aus Kradblatt 10/26 von Torsten Thimm, www.ttmotorbikeblog.com

Zurück in die Vergangenheit?

Der Odenwald, kurvige Landstraßen, sanfte Hügel und dichte Wälder. Die Sonne steht nicht mehr besonders hoch, die Straßen sind weitgehend leer und vor mir liegt genau das, wofür solche knackigen Motorräder eigentlich gebaut wurden: Kurven.

Die GSX-8TT macht auf der Landstraße richtig Spaß (Foto: Suzuki)
Die GSX-8TT macht auf der Landstraße richtig Spaß (Foto: Suzuki)

Vor mir steht die Suzuki GSX-8TT. „TT“ für Torsten Thimm, „TTMotorBike Blog“, „Tourist Trophy“ oder vielleicht auch etwas ganz anderes? Egal, ich schaue sie mir erst einmal ziemlich lange an.

Suzuki hat hier etwas geschafft, was im inzwischen ziemlich dicht besetzten Retro-Segment gar nicht so einfach ist, die GSX-8TT sieht tatsächlich eigenständig aus. Mit ihrer Bikiniverkleidung und den vielen eckigen Kanten und Kurven erinnert sie an die Rennmaschinen der 1980er Jahre, ohne dabei wie ein schlecht restaurierter Oldtimer zu wirken. Halbschalenverkleidung, runder LED-Scheinwerfer, Lenkerendenspiegel, Bugspoiler, ein Zündschloss das optisch in die Dekade passt, das Ganze hat etwas von einer Zeitreise. Nur dass diese Zeitmaschine ansonsten erstaunlich modern ist. Und genau deshalb interessiert mich vor allem eine Frage: Ist die GSX-8TT nur schön anzusehen oder macht sie auf der Landstraße tatsächlich Spaß?

Die Sitzhöhe passt auch für kleinere Menschen
Die Sitzhöhe passt auch für kleinere Menschen

Suzuki hat bei der GSX-8TT erfreulicherweise nicht versucht, aus einem modernen Motorrad mit Gewalt einen Oldtimer zu machen.

Die Basis ist bekannt. Suzukis 776-Kubik-Reihenzweizylinder, kombiniert mit moderner Elektronik und einem Fahrwerk, das eher auf Alltag als auf Rennstrecke ausgelegt ist. Darüber wurde ein Kleid gezogen, das Erinnerungen an die große Zeit der Langstrecken-Racer weckt. Und genau diese Kombination funktioniert. 

Die 8TT wirkt mit ihren 810 mm Sitzhöhe wie eine Maschine die da steht und sagt: „Fahr mich, hab Spaß!“ Das ist sympathisch, denn spätestens beim ersten Starten wird deutlich, dass hier unter der klassischen Optik kein müder Retro-Antrieb steckt.

83 PS (61 kW) bei 8.500 U/min und 78 Nm bei 6.800 U/min lesen sich auf dem Papier nicht unbedingt nach dem großen „WOW“, Motorräder werden bekanntlich aber ja nicht auf dem Papier gefahren.

Der 776-Kubik-Twin gehört zu den Motoren, bei denen man schon nach einigen Kilometern aufhört, über Leistungsdaten nachzudenken. Er läuft kultiviert, hängt sauber am Gas und liefert bereits aus niedrigen Drehzahlen ordentlich Druck. Zwischen etwa 3.000 und 7.000 U/min spielt der Motor seine Stärke aus. Also genau dort wo man sich auf einer kurvigen Landstraße gemeinhin bewegt. Das Schöne dabei ist, dass man den Suzuki-Twin nicht ständig ausquetschen muss.

Gang rein, Gas auf und los. Der 270-Grad-Hubzapfenversatz sorgt dabei für einen angenehm kernigen Klang und ein V2-ähnliches Gefühl. Natürlich ist das kein Ducati-V2 und auch kein brachialer KTM-Twin. Das ist zwar nicht so mega-spannend, dafür aber eben auch das entscheidend Entspannende dabei, die Suzuki stresst nicht.

Übersichtliche Bedienung, wie von Suzuki gewohnt.
Übersichtliche Bedienung, wie von Suzuki gewohnt.

Ich nehme die GSX-8TT mit auf meine Hausstrecken im Odenwald. Hier gibt es wenig lange Geraden, auf denen man sich mit 200 PS gegenseitig erklären muss, wer den längeren hat. Hier gibt es vor allem Kurven. Viele Kurven. Engere Kehren, schnelle Wechselkurven, schlechte Asphaltstellen, saubere neue Beläge und zwischendurch immer mal wieder kleine Straßen die klar machen, warum Motorräder nicht auf die Autobahn gehören. Genau hier fühlt sich die Suzuki auch pudelwohl.

Gute Bremsanlage, aber ohne Stahlflexleitungen.
Gute Bremsanlage, aber ohne Stahlflexleitungen.

Das Handling: erstaunlich leicht! 203 Kilogramm fahrfertig und vollgetankt sind nicht wirklich viel. Und genau so fühlt sich die GSX-8TT auch an. Sie lenkt sauber ein, bleibt neutral in Schräglage und lässt sich problemlos von einer Kurve in die nächste werfen. Kein nervöses Gezappel, kein übertriebener Lenkimpuls und auch kein Gefühl, ständig gegen das Motorrad arbeiten zu müssen. Man fährt einfach. Ja, das klingt vielleicht banal, ist es aber nicht. Denn genau dieses Vertrauen ist eine der größten Stärken der Suzuki. Bereits nach wenigen Kilometern entsteht das schöne Gefühl, das man sich schon Jahre kennt. Die GSX-8TT macht nichts Überraschendes. 

Sie fährt dahin, wo man sie haben möchte, hält sauber die Linie und vermittelt jederzeit das Gefühl, noch eine kleine Reserve zu besitzen. Das Fahrwerk: kein High-End, aber verdammt gut abgestimmt. KYB liefert die Fahrwerkskomponenten. Vorne arbeitet eine 41er Upside-down-Gabel, hinten ein Federbein mit einstellbarer Federvorspannung. Das ist technisch betrachtet keine Sensation. Muss es aber auch nicht sein. Die Suzuki ist kein Rennstreckenmotorrad und möchte auch keines werden. Das Fahrwerk ist vielmehr ein guter Kompromiss aus Komfort und sportlicher Landstraßenperformance. Schlechte Straßen steckt die GSX-8TT ordentlich weg, ohne dabei schwammig zu wirken. Wer allerdings mit maximalem Messer zwischen den Zähnen unterwegs ist und regelmäßig versucht, die Fußrasten als Schleifwerkzeug einzusetzen, wird irgendwann feststellen, dass die Möglichkeiten des Fahrwerks begrenzt sind. Aber mal ganz ehrlich: Wie viele klassische GSX-8TT-Fahrer brauchen wirklich ein High-End-Rennfahrwerk? Eben. Und wenn doch, der Zubehörmarkt hat alles, was du brauchst. 

Bremsen: unauffällig gut. Vorne sorgen zwei 310-Millimeter-Scheiben mit Nissin-Zangen für die Verzögerung. Der Druckpunkt ist sauber, die Dosierbarkeit passt und bei kräftigem Zug am Hebel wird ordentlich Geschwindigkeit vernichtet.

Gut ablesbares, informatives 5-Zoll Farb-TFT-Display.
Gut ablesbares, informatives 5-Zoll Farb-TFT-Display.

Das Entscheidende ist aber die Harmonie mit dem restlichen Motorrad. Die Suzuki vermittelt nie das Gefühl, dass irgendeine Komponente aus dem Gesamtkonzept herausfällt. Alles funktioniert zusammen. Einen Wermutstropfen gibt es allerdings. Leute, wir haben 2026 und ihr verbaut immer noch Gummibremsleitungen?! Das machen andere Hersteller mittlerweile besser. 

Und dann ist da noch dieser bidirektionaler Quick-Shifter (Blipper). Ich mag Motorräder, bei denen man noch weiß, was man mit Händen und Füßen macht. Bluetooth, Connectivity, fünf Bildschirme und eine App für die Tankanzeige brauche ich persönlich ungefähr so dringend wie einen dritten Ellbogen. Aber einen guten Quickshifter – japp, den nehme ich. Der serienmäßige bidirektionale Quickshifter der GSX-8TT funktioniert, wie nicht anders bei Suzuki zu erwarten, erfreulich sauber. Hochschalten unter Last macht richtig Spaß und auch beim Herunterschalten fühlt sich das System angenehm natürlich an. Das ist moderne Technik wie sie sein soll, die tatsächlich einen Mehrwert bietet.

Der Soziusplatz fällt eher spartanisch aus.
Der Soziusplatz fällt eher spartanisch aus.

Sitzposition: sportlich aussehen, entspannt sitzen. Wer die GSX-8TT sieht, könnte eine ziemlich sportliche Sitzposition erwarten. Doch Suzuki überrascht auch hier. Die Sitzhaltung mit dem breiten Lenker ist angenehm aufrecht, der Oberkörper leicht nach vorne orientiert und der Lenker liegt insgesamt gut in der Hand. Die Fußrasten stehen sportlich, ohne unbequem zu werden. Nach mehreren Stunden auf dem Motorrad zeigt sich deshalb eine weitere Stärke: die GSX-8TT kann Tour.

USB-C Steckdose im Cockpit.
USB-C Steckdose im Cockpit.

Der 16,5-Liter-Tank hilft dabei natürlich. Suzuki gibt einen Verbrauch von 4,2 l/100 km an, Reichweiten von mehr als 350 Kilometern durchaus realistisch. Damit wird aus dem vermeintlichen Retro-Racer plötzlich ein ziemlich brauchbarer Reisebegleiter. Die kleine Halbschalenverkleidung liefert außerdem spürbar mehr Windschutz als eine nackte GSX-8S beziehungsweise GSX-8T. Für die ganz langen schnellen Autobahnetappen ist sie trotzdem nicht gebaut. Aber mal ehrlich wer fährt schon freiwillig Autobahn, wenn der Odenwald direkt vor der Haustür liegt?

Elektronik: genau richtig dosiert. Suzuki stattet die GSX-8TT mit moderner Elektronik aus, ohne den Fahrer mit einem digitalen Weihnachtsbaum zu erschlagen. An Bord sind unter anderem: dreistufige Traktionskontrolle, drei Fahrmodi, ABS, bidirektionaler Quickshifter, Easy Start, Low-RPM Assist. Und genau das gefällt mir, die Technik ist da, aber sie drängt sich nicht auf. Das Motorrad bleibt Motorrad und wird nicht zum fahrenden Smartphone. Für mich persönlich ein ziemlich wichtiger Punkt.

Was bleibt nach einem Tag im Odenwald? Nach einigen Stunden und einigen Kilometern auf der GSX-8TT passiert etwas, das ich bei vielen modernen Motorrädern inzwischen vermisse: Ich steige ab und denke nicht, „Was für ein technisches Monster.“ Ich denke, „Was für ein geiles Motorrad.“ Und das ist echt ein Unterschied. Denn die Suzuki GSX 8TT versucht nicht, über Leistung zu beeindrucken. Sie will nicht das stärkste, schnellste oder spektakulärste Motorrad im Segment sein. Gefühlt will sie ein Motorrad sein, mit dem man morgens losfährt und irgendwann feststellt, dass es schon Nachmittag ist. Noch eine Kurve, noch ein Pass, noch ein Kaffee, noch ein Stück Straße, noch etwas mehr von allem, Hauptsache fahren. Denn genau darin liegt ihre Qualität.

Eine Probefahrt mit der Suzuki GSX-8TT ist allen Naked Bike Fans zu empfehlen
Eine Probefahrt mit der Suzuki GSX-8TT ist allen Naked Bike Fans zu empfehlen

Fazit: Die Suzuki GSX-8TT ist keine echte Zeitmaschine. Zum Glück. Denn technisch ist sie ganz klar im Jahr 2026 angekommen. Aber sie nimmt ein Stück Motorradgefühl aus vergangenen Jahrzehnten mit. Sie sieht nach Rennsportgeschichte aus, fährt aber unkompliziert, komfortabel und erstaunlich modern. Der Motor liefert genau dort Leistung, wo man sie auf der Landstraße braucht. Das Handling ist hervorragend, das Fahrwerk ordentlich abgestimmt und die Ergonomie macht auch längere Touren problemlos möglich.

Und dann wäre da noch die Optik. Die Suzuki GSX-8TT sieht einfach gut aus. Nicht übertrieben geschniegelt, sondern einfach eigenständig.

Für 10.588 € (UVPinkl. Überführungskosten, zzgl. Nebenkosten). bekommt man ein Motorrad, das nicht mit Datenblattwerten um Aufmerksamkeit schreit, sondern mit seinem Gesamtpaket überzeugt. 

Natürlich lässt die GSX-8TT auch auf A2-taugliche 35 kW drosseln und neben der von mir gefahrenen Variante in „Glass Sparkle Black“ gibt es  das 2026er Modell auch in einem coolen „Pearl Mat Shadow Green“ mit goldenen Felgen. Etwas Original-Zubehör hat Suzuki auch im Sortiment.

Mehr Infos und Probefahrten gibt’s bei eurem Suzuki-Vertragshändler.

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