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Rüben, nichts als Rüben…

aus bma 03/99

von Yogi / Gummikuh

Grad noch so unter den tiefhängenden Wolken durchgemogelt und das erst gestern stundenlang polierte, eiserne Pferd trocken in einen Stall gebracht. Obwohl, viel Hoffnung besteht ja nicht, in einer knappen Stunde auch trocken auf die Party zu gelangen. Wie auch immer, es ist Eile geboten! Sonst wäre wieder mal ein Zehner fällig. Für Klubaktionen haben wir erfolgreich die Regelung eingeführt: wer die Toleranz des akademischen Viertels überschreitet, der bereichert die Freßkasse um zehn deutsche Märker. Seit der Einführung dieser brettharten Regelung, sind wir auch nicht mehr die letzten auf unseren eigenen Veranstaltungen.
Also schnell ein reinigendes Bad, umziehen und so nebenbei noch einen Bissen zwischen die Zähne schieben. Los geht’s… Mist! Hab‘ ich’s mir doch gedacht, Petrus hatte die Wolke auf mich warten lassen. Dabei zahle ich doch immer pünktlich meinen Beitrag zum Verein passiver Himmelsaspiranten in Form von Kirchensteuer. Tja, die Putzstunden hätte ich mir schenken können. Man sollte sein Mopped sowieso nicht mehr polieren, sondern nur einfetten und einölen. Mit strahlendem Bock zur Fete, das gibt es wohl nur im Film. Soll ich mich noch ins Präservativ zwängen? Nein, heute habe ich keine Lust als riesiges Gummibärchen im Regenkombi auf der Feier zu erscheinen. Heute muß das schwarze Leder die wenigen Tropfen abweisen. Ist ja nur ein Katzensprung. Obwohl, Stiefel und Schienenbeine werden wieder ein dezentes Straßengrau annehmen. Egal, keine Zeit. Verdammt, was läßt sich der Zweizylinder wieder so lange bitten? Endlich nach ungezähltem Abrutschen der Ausgehstiefel vom Kickstarter, erwachen die Lebensgeister des Donnervogels. Mein Deo hat natürlich längst versagt. Der satte Dampfhammer-Sound entschädigt jedoch für alles. Aha, Petrus hat mich entdeckt. Die Regentropfen scheinen sich nun auf mich zu konzentrieren. Jetzt aber zügig durch, die Toleranzzeit läuft bereits! Endlich raus aus der Stadt.
Hier auf der einsamen Nebenstrecke kann ich es etwas mehr gehen lassen, zwar ist die Straße sehr schmal, aber links und rechts sind nur Felder und Wäldchen. Jetzt noch diese langgezogene Rechtskurve und… zu spät!!!
Die ganze Straße ist übersät mit dicken Erdklumpen, das Vorderrad schmiert weg, der Bock sucht sich seine Richtung selbst, im Scheinwerferlicht taucht ein unbekannter Hügel auf, kommt näher und näher Scheiiii… dumpfer Aufprall, Schmerz. Es ist vorbei. Oder? Vorsichtig bewege ich einen Knochen nach dem anderen – alles noch dran. Hände und Beine kann ich drehen, ohne daß sich der Schmerz noch wesentlich verstärkt, ein gutes Zeichen! Schwein gehabt! Langsam versuche ich aufzustehen. Was ist das bloß für ein merkwürdiger Hügel hier? Mann, Rüben, überall Rüben. Daher der gedämpfte Aufprall. Bis auf ein paar Beulen und Prellungen alles okay. Nun geht’s daran, den ”Rübentorpedo” zu bergen. Immer wieder rutsche ich auf dem fruchtigen Haufen aus. Schneeschuhgroße Ackerbrocken kleben anhänglich an meinen besten Stiefeln und erschweren die Fortbewegung. Doch was macht schon der Dreck, Petrus muß auch dieses Schauspiel beobachtet haben, denn er verstärkt die Zahl der reinigenden Tropfen nun noch.
Nach einem Viertelstündchen harten Kampfes, habe ich meine Runkelrakete endlich wieder auf der Straße. Die Schäden halten sich dank der Elastizität der Erdfrüchte in Grenzen, jedoch mein Mopped ist verärgert! Es kostet die Kraft vieler Tritte, bis der Motor endlich seine Arbeit wieder aufnimmt, obwohl er doch im Gegensatz zu mir auch die Wochenendarbeit gewöhnt ist. Naja, das erwärmt die nasse Haut wenigstens. Dann – ”on the road again”! Weiter geht’s, der nur wenige Kilometer entfernten Fete entgegen.
Doch was ist jetzt schon wieder? Ein Stottern und – Bööööhh…. verdammt, das war’s!
Leider nicht mehr rechtzeitig denn Benzinhahn auf Reserve umgelegt – Aus. Wieder stehe ich wie ein begossener Pudel im Regen (die Frisur paßt nicht!). Haben sich denn alle Götter gegen mich verschworen? Es darf erneut getreten werden. Die glatten Ledersohlen sind auch nicht griffiger geworden. Kick, rutsch ab, und noch mal. Bevor ich den Kickstarter voll durchtreten kann, rutsche ich auch schon wieder ab.
Hölle, ist wohl nicht mein Tag heute. Wie lange probiere ich es jetzt schon, zehn Minuten oder länger? Zwischendurch immer mal wieder den Starthahn zu, damit das Schätzchen nicht absäuft. Wandeln wir die Wut doch einfach in Schubkraft um und probieren es mal mit anschieben.
Auf gehts, Teufel – Kompression ist satt da, aber anspringen ist nicht. lmmer wieder entfährt mir das in der deutschen Umgangssprache geläufige Wort für Fäkalien.
Also aufbocken und kicken, abrutschen, kicken, kicken… Da! – das klingt gut! Gleich noch mal versuchen – nichts. Inzwischen sind meine Klamotten von innen genauso naß wie von außen, puh.
Schon sehne ich mich zurück nach meiner Honda mit E-Starter, die immer ansprang. Ein dreiviertel Jahr fahre ich diesen Oldie nun und bisher hat er mich noch nie so hängen lassen, trotz seines Alters von dreißig Jahren. Also nicht kapitulieren und wacker weiterversuchen. Was lange gährt, wird endlich Wut! Helm ab, Handschuhe aus, Jacke auf und kicken, kicken, kicken….
Werkzeug habe ich für ”die paar Meter” auch nicht dabei. Egal, das Kerzenbild kann nach dieser Aktion sowieso nur noch schwarz sein. Schieben wir doch noch mal. Da, ein Tuckern – sie kommt, hurra. Jetzt aber auf Gas halten, sonst ist alles aus, alle Energie aufgebraucht. Naja, wenigstens ein Zylinder hat die Arbeit aufgenommen. Dann, mit einer Hand immer am Gasgriff drehend, den Helm auf, die Jacke zufummeln und das Schwierigste, die nassen Handschuhe überstülpen. Jetzt aber los. Erinnert mich irgendwie an die Klasse-5-Zeiten, so mit einem Zylinder durch die Gegend zu knattern. Damals habe ich die Kreidler rein gefühlsmäßig auch mehr geschoben als gefahren.
Was mag bloß mit dem Bock los sein? Hat er vielleicht doch mehr abbekommen als erwartet?
Da, ein Ruck und …. vorbei. Kurzzeitig lief der zweite Zylinder mit. Für die gesamte Dauer der langsamen Fahrt, beschäftigt meine Birne nichts anderes, als die mutmaßliche Fehlerdiagnose. Ich werde nicht eher Ruhe finden, bis ich genau weiß, was meinem geliebten Mopped fehlt. Endlich erreiche ich doch noch das Ziel.
Das Fest ist inzwischen in vollem Gange. Texte zur Begrüßung, wie zum Beispiel: ”Na du altes Trüffelschwein, hättest dich ja wenigstens umziehen können, wo du sowieso schon so spät kommst…” bereichern meine Laune. Ich greife mir meinen Freund Steiner, wohlwissend, daß er einen wahrhaft prächtigen Bordwerkzeugkasten an seinem Krad ständig mit sich führt. Mein innerer Frieden kann nur durch den satten Sound beider Zylinder meines Brenners wieder hergestellt werden. Schon vor dem Herausdrehen der Kerzen offenbart sich die Ursache allen Übels: Das Zündkabel des linken Zylinderkopfes hängt lose im Kerzenstecker. Er muß sich durch Rübeneinwirkung gelockert haben und läßt nun keinen richtigen Kontakt mehr zustande kommen. Und ich Rindvieh habe alles auf das Leerfahren der Vergaser zurückgeführt!
Wäre ich gelenkig wie ein indischer Yogi, würde ich mir gern selber in die Kiste getreten. So aber trete ich lieber auf den Kickstarter und – ja, der Sound ist meine Lieblingsmusik. Das tut meinen Ohren gut. Jetzt habe ich mir aber eine ”Hopfen-Kaltschale” verdient, also hinein ins Getümmel.
An der Theke labert mich ein Typ an. Autofahrer seines Zeichens und nur durch den Anlaß der Geburtstagsfeier unter die Biker geraten. ”Macht das denn jetzt noch Spaß, Motorradfahren bei dem Wetter? Also ich versteh euch nicht.” Dabei mustert er mich von oben bis unten wie einen Klempner, der gerade in einer verstopften Toilette ”hart durchgegriffen” hat. ”Weißt du, manchmal verstehe ich mich selber nicht. Aber es soll ja auch welche geben, die an der einen Seite vom Berg unter Einsatz ihres Lebens hochklettern, obwohl sie wissen, daß es auf der anderen Seite ’ne Seilbahn gibt!” – ”Häh?”

 

 

 


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