Vorwort der Ausgabe 10/26 von Mathias Thomaschek, www.zweirad-online.de

Erpressung durch den Kunden

Mathias Thomaschek und die 1-Stern-Erpressung
Mathias hat schon viel im Handel erlebt

Neulich in einem Motorradgeschäft bei mir im heimischen Franken: Ein Kunde hat eine gebrauchte Maschine gekauft; durch Personalwechsel und Urlaub bleibt die eigentlich abholbereite Maschine aber zwei Wochen stehen. Bei der Übergabe entschuldigt sich der Verkäufer deshalb in aller Form für das Missgeschick und bietet den Kunden als Wiedergutmachung einen 100-Euro-Gutschein für ein bekanntes Steakhaus an.

Nein, meint der Kunde, so billig käme er nicht davon. Schließlich geht es um Schadenersatz und die erlittenen Qualen des Wartens. Was er sich denn so vorstelle, wird er vom Verkäufer gefragt? Ein Original-Topcase samt Anbauteilen müsste schon mindestens drin sein, kommt als Antwort. Wert der Forderung: Knappe 1.000 Euro. Der Verkäufer bittet um einen Moment Geduld, um sich mit dem Betriebsleiter zu besprechen. Auf dem Weg dorthin wird ihm noch hinterhergerufen, er möge seinem Chef auch gleich ausrichten, dass der Laden im Fall einer Ablehnung seiner Forderung mit einer Ein-Sterne-Bewertung bei Google zu rechnen habe.

Zack, da ist sie wieder, die unver­hohlene Drohung, mit der inzwischen viele Unternehmen zu kämpfen haben. Meist unter einem Pseudonym, wird der Laden bei den inzwischen allgegenwärtigen Rezensionen verrissen. „Unverschämtheit“, „Frechheit“ und „das Letzte“ sind Standardausdrücke. Dabei kann der Leser einer derartigen Rezension nicht erkennen, ob die hier erhobenen Vorwürfe den Tatsachen entsprechen, oder dem Frustverhalten eines vierjährigen Trotzkindes ähneln, dass sich an der Supermarktkasse brüllend auf den Boden wirft, weil es keine Süßigkeiten bekommt. 

Unternehmen müssen inzwischen auf jede schlechte Bewertung, auch wenn sie noch so hirnrissig ist, reagieren. Zwar kümmern sich Spezialisten – im Erfolgsfall gegen Kohle – um die Löschung von Ein-Sterne-Bewertungen. Die Anzahl der Löschungen wird aber angezeigt und so unterschwellig signalisiert, dass dort etwas stand, was niemand lesen soll.

Mir stoßen inzwischen zwei Dinge extrem sauer auf. Es ist zum Einen diese an den Tag gelegte grenzenlose Arroganz, mit der der Kunde vom Händler fordert, er möge vor ihm niederknien und unterwürfig seine Wünsche zu seinen Konditionen erfüllen, weil er ja sein Geld will. Vor vielen Jahren eröffnete ein engagierter Händler einmal einem solchen Kunden, der ihn darauf hinwies, dass er in diesem Fall ja der König sei: „Dann benehme dich auch wie ein König!“. Viele Händler haben sich aber an die grassierende Rotzigkeit gewöhnt und schalten, so wie Polizisten, Feuerwehrler und Rettungsdienstler, bei verbalen Durchfall inzwischen auf Durchzug.

Viel schlimmer sind in meinen Augen jene kommunikationseingeschränkten Zeitgenossen, die beim Live-Gespräch lächelnd allem zustimmen, um sich danach im Netz übelst auszulassen. Feige aus der Deckung heraus, weil sie nicht den Arsch in der Hose haben, um gleich zu sagen, was ihrer Meinung nach Phase ist.

Inzwischen stöhnen die Händler unter der ihnen aufgezwungenen Mehrarbeit, wenn sie Tage und manchmal sogar Wochen später auf Google eine Rezension nach einem missglückten Vorfall kommentieren müssen. Weil sie eigentlich anderes zu tun haben, als Rechnungen und Arbeitskarten wieder herzusuchen und Mitarbeiter zu befragen. Ein klärendes Gespräch oder Telefonat wäre da viel einfacher und stressfreier.

Wer sich über lange Werkstatt­wartezeiten oder mangelnde Telefonerreichbarkeit beschwert, sollte einmal diesen Gedanken aufgreifen: Vielleicht kommt das einfach davon, dass der Mitarbeiter, statt Öl und Luftfilter zu wechseln, wieder einmal schriftstellerisch tätig ist, um maulenden Zeitgenossen in einfachen Sätzen Zusammenhänge zu erklären, die der eigentlich kennen sollte. 

Manchmal reicht es schon, einfach noch einmal in Ruhe über etwas nachzudenken und sich dabei in die Situation des Gegenübers zu versetzen, bevor man hektisch und mit Blutdruck kurz vorm Drehzahlbegrenzer rechthaberisch und unreflektiert in die Tasten haut. Für alle anderen: Google Bewertungen sind hilfreich, aber nicht Gesetz oder Bibel!

Ach ja, der Kunde mit der Topcase­-Erpressung bekam am Ende auch keinen Restaurantgutschein. Und diese Geschichte ist echt passiert, nicht von einer KI gesponnen. Willkommen im richtigen Leben!

 


Drei KRADblatt-Bewertungen bei Google. Als Firma hat man die Möglichkeit zu antworten oder falsche Bewertungen löschen zu lassen.
Drei KRADblatt-Bewertungen bei Google. Als Firma hat man die Möglichkeit zu antworten oder falsche Bewertungen löschen zu lassen.

Ergänzung von Marcus Lacroix, Herausgeber des Kradblatt:

Wenn man sich offen gegen faschistische, rechtsnationale und menschenverachtende Kommentare in den sozialen Medien ausspricht, muss man übrigens auch immer mit Rache-Bewertungen rechnen. Manche löscht Google direkt, es kommen aber auch hier immer wieder Angebote von Firmen, die sich auf die Löschung spezialisiert haben.

Man kann sie aber auch einfach offen kommentieren und i.d.R. läuft der Rachefeldzug dann ins Leere. Das hatten wir bei unserem Google-Eintrag auch schon …

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