Honda VFR 800 X Crossrunner

Honda VFR 800 X Crossrunner

aus Kradblatt 2/17
von Torsten Thimm

Honda VFR800X Crossrunner –  Aus dem Alltag ausbrechen …

Honda VFR 800 X, Modell 2016

Just Fish, no Chips – so klar definieren konnte man dies 1991 mit dem Erscheinen der Yamaha TDM 850 nicht, denn den Ausdruck Crossover oder SUV kannte man damals noch nicht. Und so geschah, was irgendwie immer geschieht wenn etwas Neues auf den Markt kommt, die Lager spalteten sich auf in „ähhh nein“ und in „wie geil ist das denn“.

Yamaha erfand also anno 1991 in der Tat eine neue Motorradklasse, deren Ableger heutzutage bei jedem Hersteller im Programm zu finden sind. Ja mehr noch, aus Fertigungs- und Kostengründen wird bei einigen Modellen dieser Spezies sogar der Reihenzweizylinder in verschiedenen Hubzapfenversatz-Varianten verbaut.

Anders als im vierrädrigen Bereich, sind diese zweirädrigen Zwitter in Bezug auf die Sinnhaftigkeit jedoch zumeist viel weniger umstritten. Nein, vielmehr sind sie echte Alleskönner meist sogar besser als so manch ein klassischer Tourer. Zu ihnen gehört unter anderem auch Hondas Crossrunner, den ich ausgiebig am Lago Maggiore testen konnte. Optisch bietet dieses Halbschnabeltier (so meine Carmen), sportliche Züge, eine schicke Einarmschwinge und als State of the Art eine Voll-LED-Ausstattung als markante Beleuchtung.
Honda VFR 800 X, Modell 2016Weitere technische Feinheiten sind der Schaltassistent, sowie das aus der VFR 800 bekannte, mit V-Tec ausgestattete V4 Triebwerk unter dem Fahrer. Das öffnet ab 6500 Umdrehungen seine zweite Ventilpaarung und macht so aus dem Zweiventiler ein Vierventiler. Damit ist nicht nur klanglich Feuer im 106 PS starken Kessel angesagt. Es schiebt vehement voran bis bei 11.500 Umdrehungen der Begrenzer dem Spiel ein Ende setzt.

Eingefangen wird diese Beschleunigung bei Bedarf wiederum über die kombinierte und ABS unterstütze 4-Kolben-Bremsanlage, die Honda-typisch ausgezeichnet funktioniert. Die 2-stufige auf Wunsch deaktivierbare Traktionskontrolle rundet das Technikpaket ab. Und wo wir gerade bei den Knöpfen und Schaltern sind! Die Armaturen sind übersichtlich, die Haptik überzeugt, wie auch die serienmäßig einstellbaren Handhebel. Hier kann sich manch anderer Premiumhersteller eine gute Scheibe abschneiden.

Honda VFR 800 X, Modell 2016Mit dieser technischen Begleitung an Bord geht es also auf die kleinen, verschlungenen Straßen im Hinterland des Lago Maggiore, die außer dem klein und verschlungen auch hier und da noch nette, zumeist rutschige Überraschungen parat haben. Ein ums andere Mal blinkt schon zu Beginn der Tour die Traktionskontrolle beim Rausbeschleunigen aus den Spitzkehren, oder über dem narbigen Asphalt der Fahrbahn.

Die Eingewöhnungszeit auf dem Runner indes ist für mich eher kurz, denn der Lenker ist breit und liegt gut in der Hand. Mit dem gut austarierten und voll einstellbaren Fahrwerk lässt sich zudem flink um die Ecken wieseln. Teilweise fliegt die Natur geradezu an uns vorbei, was so in dieser schönen bbUmgebung eigentlich nicht geplant war. Es gibt jedoch durchaus auch ruhigere Abschnitte und einen gewissenIch nehme mir noch einmal Zeit für die Details, wobei mir die gute Verarbeitungsqualität der Verkleidungsteile ins Auge fällt. Ebenso gut und ordentlich sind die Kabelstränge verlegt und auch unter dem Soziussitz ist alles schick verstaut, inklusive der 12 Volt Steckdose. Geht man weiter um die Maschine herum, fällt natürlich die mächtige Einarmschwinge auf aber leider auch das Heck. Hier muss ich gestehen, habe ich das Gefühl, dass den Designern die Ideen ausgegangen sind, denn es wirkt pummelig und passt in meinen Augen so gar nicht zur sportlich designten Frontpartie. Wäre es mein Runner, ich würde das als eins der wenigen Teile ändern. Grad an Offroad-Eigenschaften lässt der Crossrunner ebenfalls ohne weiteres zu. Hier steht ihm allerdings auf Dauer der breite, 180er Hinterradreifen im Weg, sodass ich am Ende froh bin wieder festes Geläuf unter den Gummis zu haben. Ein Vergnügen war es trotzdem, denn wann hat man in Deutschland schon mal einen kilometerlangen Waldweg ganz für sich alleine, den man zudem ganz offiziell befahren darf? Genuss pur also in dieser wilden Landschaft.

Honda VFR 800 X, Modell 2016

Als wir am Abend zurück in die Unterkunft kommen schauen die Kollegen jedenfalls nicht schlecht, hatten sie doch dem kleinen 800er Herz diese Performance nicht so recht zugetraut.

Der folgende Morgen beginnt herbstlich frisch und als wir nach dem Frühstück starten, kommt auch die erste Eigenart – mancher würde es Charakterzug nennen – des V4 zutage: Solange er seine Betriebstemperatur nicht erreicht hat, nimmt er das über Seilzüge betätigte Gas ein wenig ruppig an. Ist man allerdings über diesen Punkt erst einmal hinaus läuft er geschmeidig, wobei er mit runden 5,3 bis 5,9 Liter Sprit einen durchaus akzeptablen Verbrauchswert an den Tag legt.

Da wir an diesem Tag über den Simplon in der Schweiz unterwegs sind und die drakonischen Strafen der schweizer Behörden fürchten, gilt somit heute sowieso der untere Verbrauchswert. Leere Straßen – und imponierende Bergwelten am Furka, Grimsel, Gotthard und der Tremola ziehen an uns vorbei – untermalt von der mittlerweile wärmenden Herbstsonne. Es ist alles ein wenig überraschend, denn immerhin sind wir hier auf doch ordentlichen Höhenmetern unterwegs.

Honda VFR 800 X, Modell 2016Ähnlich romantisch wie sich das liest, fährt sich der Runner dann auch heimlich, still und leise ins Herz seines Piloten. Richtig erklären kann ich es nicht, denn er versprüht nicht den Charme eines klassischen Motorrades. Auch ist er keine Superbergziege, wie zum Beispiel eine KTM 1290 oder eine Ducati Multistrada. Was er tut … er funktioniert einfach tadellos wie ein Schweizer Uhrwerk und ist damit der treue Begleiter auf allen Wegen auf denen wir hier unterwegs sind. Dabei erweist sich der montierte Schaltassistent als echtes Plus, denn er unterstützt den Fahrer beim Rausbeschleunigen und Hochschalten aus den zumeist engen Kehren ganz selbstverständlich. Da das Runterschalten nicht über ihn funktioniert sollte man vor der nächsten Kurve frühzeitig die Hand an der hydraulischen Kupplung haben und runterschalten um sauber die nächste Kehre zu bekommen.

Klasse Reisepartner: Honda VFR 800 X, Modell 2016So vergeht dieser ereignisreiche Tourentag viel zu schnell und endet im aufkommenden Dunkel des Abends, als wir im hellen LED-Lichtschein des Crossrunners wieder in der Unterkunft ankommen. Um diese Zeit ist auch das digitale Display einmal absolut störungsfrei zu sehen, denn wie alle dieser multifunktionalen Geräte, hat auch dieses im wandernden Sonnenschein hier und da seine Re­fle­xi­onen und optischen Nachteile gegenüber alt bewerten klassischen Uhren. Auf der anderen Seite wären jedoch viele klassische Uhren nötig, um alle Funktionen so darzustellen. Tank, Temperatur, Verbrauch, Außentemperaturanzeige, zwei Trippzähler, die fünfstufige Griffheizung und auch die Uhrzeit gibt es auf den ersten Blick her. Dazu reihen sich im Gehäuse diverse Kon­troll­lämpchen nebeneinander auf, was beim Betätigen des Zündschlüssels ein wenig den Eindruck eines erleuchteten Christbaums erweckt. Schade nur, dass man die Funktionen umständlich über Taster am Cockpit abrufen muss und nicht über die Lenkerarmatur steuern kann.

Mit dem abendlichen Glas italienischen Chianti endet dann auch dieser Tag im tiefen Dunkel der Nacht.

Honda VFR 800 X Crossrunner, CockpitBeim Öffnen des Fensters am folgenden Morgen lacht uns die Sonne erneut ins Gesicht, dampfend trocknet sie den Morgentau auf den Maschinen. Mittlerweile sind der Runner und ich zu einer Einheit verschmolzen und ich tat gut daran die untere, der beiden zur Verfügung stehenden Sitzeinstellungen, zu wählen. 815 Millimeter Höhe sind grade hoch genug für mich. In der oberen Stufe sind es noch einmal 20 Millimeter mehr was auch geht – dennoch, Standfestigkeit ist alles.

Die heutige Tour führt uns ins Val Formazza und zu seinem mächtigen Wasserfall, von dem leider um diese Jahreszeit nicht sehr viel übrig ist. Dafür bietet das Tal an sich pure und vor allem energiegeladene Schönheit. Die beginnend herbstliche Natur, der blaue Himmel und die Sonne spielen hier abseits des Trubels ihr ganz eigenes Spiel und setzen die Honda geradezu perfekt für die Bilder in Szene.

Ein weiterer für mich nicht verständlicher Kritikpunkt sind die fehlenden Gabelschützer, welche ich bei einem Zweirad in dieser Klasse und für über 12.000 Euro Anschaffungspreis genauso erwarte, wie ein variabel einstellbares Windschild, das ihm leider auch fehlt. Das linke Standrohr hatte bei dieser Testmaschine nach knapp 10.000 Kilometern schon etwas gelitten. Es erweckte den Anschein, als ob einer der Presse-Kollegen versucht hat, die festgebackenen Mücken am Standrohr mit Stahlwolle zu entfernen. Dafür kann die Honda natürlich nichts und Schützer lassen sich nachrüsten.

Das war es aber auch schon an Kritik meinerseits und auch die Herren Kollegen hatten keine negativen Punkte mehr bei ihren Begutachtungen an der Maschine gefunden. Mit diesen Erkenntnissen und einigen wirklich schönen Bildern fuhren wir dann auch zurück und erreichten an diesem Tag unser Agriturismo sogar einmal im Hellen.

Honda Crossrunner 2016 - feldwegtauglichSo vergingen nach und nach die Tage am und um den Lago Maggiore wieder einmal viel zu schnell und der Urlaub neigte sich dem Ende zu. Was bleibt ist eine Resümee dessen, was wir erlebt haben. Landschaftlich auf jeden Fall ein dickes Plus und eine Ecke der Welt die man einmal gesehen haben muss. Besonders Bellagio, das wir am letzten Tag noch anfuhren, sollte der interessierte Reisende auf dem Plan haben. Gerade auch dann, wenn man gerne einmal bummeln möchte.

Motorradtechnisch habe ich, das dürfte nach diesem Bericht klar sein, mit der Wahl von Hondas Crossrunner alles richtig gemacht. Er fuhr sich tatsächlich wie oben beschrieben in mein Herz und ist meines Empfindens nach ein vom Markt sehr unterschätztes Motorrad. Was ihm sehr gut stehen würde, wäre das von Honda in manchen anderen Modellen angebotene DCT-Getriebe. Dafür ist aber wohl die Grundkonstruktion das VFR-Motors einfach etwas zu alt.

Ob V-Tec noch zeitgemäß ist und ob man es braucht, ist eine Einstellungssache! Mir jedenfalls hat der Punch gefallen, wenn ich ihn mal wirklich gebraucht habe. Um ganz ehrlich zu sein war das aber bei den Gegebenheiten rund um den See und auf den engen Straßen eher selten der Fall. Euro4 hat die Maschine bereits und somit wird sie auch 2017 noch beim Hondahändler zum Verkauf stehen.

Am besten hilft wie immer einfach selber testen und erfahren, denn ich bin mir sicher, dem einen oder anderen wird es genauso ergehen wie mir. Der Runner rennt mitten ins Herz.

Beste V4 Grüße und nicht vergessen: Lifeisaride!


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