Harley-Davidson FLHS Electra Glide Sport (100.000 km)

Harley-Davidson FLHS Electra Glide Sport (100.000 km)

aus bma 10/00

von Major Tom

FLHS Electra Glide SportEs ist schon ein Weilchen her, als ich an dieses Blatt schrieb, dass ich mich erst wieder melden würde, wenn ich im Sattel eines Motorrades die 100.000 km-Grenze überschritten hätte. Im Januar 1997 wurden meine Erfahrungen auf einer Harley-Davidson FLHS Electra Glide Sport nach circa 110.000 km veröffentlicht, von denen ich allerdings nur 90.000 km selbst bewältigt hatte. Obwohl das jetzige Motorrad schlechtere Karten vom Start weg hatte, denn ich übernahm es nach zwei Jahren mit einem Kilometerstand von 42.222, ist es mittlerweile in knapp sechs Jahren 165.000 km gelaufen. Wahrscheinlich ein Anzeichen dafür, wie gut der V 2-Motor von dem Vorbesitzer eingefahren worden ist – oft genug das A & O der Haltbarkeit von Motoren. Für die magische Marke von 100.000 km im Sattel eines Motorrades benötigte ich die Zeitspanne vom 22. Februar 1996 bis zum 23. Juni 1999. Dass ich nicht sofort zur Feder gegriffen habe, möget Ihr mir verzeihen.
Meine Erfahrungen im einzelnen:
Die Anschaffung war relativ preisgünstig, denn die „Dresser” sind nicht unbe- dingt die Renner im Programm von Harley-Davidson – was den deutschen Markt angeht. Zudem hatte Franz als Mitglied im Breitenfelde Chapter (Sitz ist in der Nähe von Mölln im südlichen Schleswig-Holstein) Mitleid mit dem Direktor selbiger „Zusammenrottung”, so dass die E-Glide mit einem Neuwert von etwa DM 42.000 zu einem für mich erschwinglichen Preis den Besitzer wechselte (Danke, Franz!).

Obwohl die E-Glide schon mit Zubehör im Wert von fast DM 10.000 ausgestattet war, wundere ich mich unverändert, wieviel weitere tausende Mark in das Dickschiff versenkt werden können, ohne jemals eine Vollzähligkeit der Ausstattung erreicht zu haben. Dafür haben die Harley-Mannen schon ein gutes Gespür und einen wahnsinnig dicken Katalog!
Was zu Beginn wohl am meisten interessiert, ist, wie oft mich die E-Glide im Stich gelassen hat. Die Antwort lautet drei Mal, wobei ich bei zwei Vorfällen nicht ganz unschuldig war:
57.800 km: Nach einer 8.500 km langen Urlaubstour durch 13 Länder in und um Deutschland und Österreich war die Batterie platt.
90.500 km: Während unseres Breitenfelde Run mit 110 Harleys durch Norwegen riss der Belt irgendwo in der Telemark. Provozierter Vorfall, denn spätstens nach 90.000 km schreibt Harley den Wechsel des Zahnriemes vor. Unser Service Car half mir bei dieser peinlichen Situation weiter.
164.000 km: Erneuter Riss des Zahnriemens. Auch dieser Vorfall war mehr oder weniger provoziert, denn seit circa 40.000 km arbeitete der Belt mit zwei durch Steine (Andenken an eine Alpenpassfahrt mit reichlich Schotterpisten) hervorgerufene Löcher im Kevlargewebe. Der ARCD (Automobil und Reise Club Deutschland) übernahm den Abschleppservice sofort und ohne Probleme.
Mehr Unpässlichkeiten bot die schwarze Electra Glide nicht, wenn wir mal von kleineren Mängeln absehen:
45.000 km: Zündaussetzer (scheinbar wollte der Tourendampfer die wundervolle Kanalinsel Guernsey – echter Geheimtipp – nicht verlassen)
67.000 km: Zündschloss mit Macken (Rückrufaktion von Harley)
76.000 km: hintere Rocker Box Dichtung sifft
85.500 km: Krümmer geschweißt
102.000 km: Zusatzscheinwerfereinsatz rechts defekt
110.00 km: Nockenwellenlager mit Welle gewechselt
117.000 km: Zusatzscheinwerfereinsatz links defekt
125.000 km: vorsorglich ersetzt: Schaltwelle, Motorhalter, Brems-scheibe hinten, Bremsleitung vorn (Umrüstung auf Stahlflex), Gas- und Kupplungszug, Vergaser, Batterie (Triple Amp, die schafft was weg!)
126.000 km: Benzinstandsanzeiger ausgefallen
155.000 km: Krümmer geschweißt
161.000 km: Tachowelle gebrochen (Sauerei, jetzt fehlen ca. 300 km)

FLHS Electra Glide SportAn dieser Aufzählung merkt man schon, dass die Defekte kaum etwas mit dem typischen Harley-Klischee von losvibrierten Schrauben und leckenden Motoren gemein haben. Unterwegs habe ich auch nie einen Schraubenschlüssel anfassen müssen und wenn es hochkommt, habe ich zwischen den regelmäßig durchgeführten Inspektionsintervallen (alle 8.000 bis 10.000 km) etwa einen Liter 20W50 Öl nachgefüllt. Die Servicearbeiten wurden alle zu meiner vollsten Zufriedenheit bei der Harley-Davidson Breitenfelde GmbH ausgeführt. (Ich denke, Hilmar, du kennst das Mopped schon auswendig, oder immer noch nicht?)
Ein paar Punkte noch zu Wartung und Unterhalt (womit ich keine Alimente meine!):
Mit 60 schlappen PS ist das Motorrad günstig versichert und selbst bei einem Wiederbeschaffungswert von DM 25.000 auch in der Teilkasko sehr erschwinglich. Übrigens machte die Neckura überhaupt keinen Aufstand beim Erteilen der Versicherungspolice.
Die Inspektionskosten belaufen sich im Schnitt auf DM 350 inklusive Wartungsmaterialien (Öl, Filter, Zündkerzen) und sind damit meines Wissens im Vergleich zu anderen Firmen ganz erschwinglich.
An Reifen habe ich die Originalbereifung Dunlop, dann Metzeler und zuletzt Continental Milestone ausprobiert. Der Metzeler ist genauso gut wie der Dunlop, nur teurer. Dagegen gefällt mir der Conti subjektiv am besten, hält genauso lange und kostet nur die Hälfte – also ein echter Tipp. Nur eintragen muss man den Reifentyp, was man aber schon beim ersten Reifenwechsel wieder raus hat.
An Bremsbelägen blieben zwei Satz vorne und drei Satz hinten auf der Strecke und an Radlagern wurden jeweils zwei vorne und hinten gewechselt.
Und mehr gibt mein Fahrtenbuch auch nicht her, das heißt, zum Benzinverbrauch kann ich noch was sagen. Insgesamt flossen 6.616 Liter Super Bleifrei durch den Vergaser, was einen Schnitt von etwa 5,5 Liter/100 km bedeutet. Maximal gurgelte die E-Glide in der Version „drei Zimmer, Küche Bad und WC” 9,8 Liter/100km weg, minimal als „Light-Version” 3,9 Liter/100km.
Für Wartung und Reparaturen kamen im Schnitt 27 Pf/km zusammen. Bezüglich des Wertverlustes muss man ehrlich sagen, dass die E-Glide wohl kaum einen Käufer finden wird, obwohl sie technisch absolut in Ordnung und auch optisch in sehr guter Verfassung ist. Aber was soll’s, das bestellte Jubiläumsmodell zum Hundertsten Geburtstag von Harley-Davidson kommt ja erst im Jahr 2003, und bis dahin kann ich ja mal die 300.000 km-Marke anpeilen.
Neben vielen Fahrten auf der A24 zwischen meinem Wohnort bei Hamburg und Berlin (Ort zum Brötchenverdienen) liegen jährlich etwa 20.000 km „just for fun” in Europa hinter mir. An Urlaubsländern hat diese E-Glide schon einiges gesehen und doch kann ich nicht sagen, wo es mir am besten gefallen hat. Ardèche, Guernsey, Norwegen, Alpen und Umland, England, Côte d’Azur und Tessin – Europa ist ein wundervoll abwechslungsreiches Reiseland!
Zum Schluss nur drei kurze, aber nachhaltige Erlebnisse auf den zahlreichen Kilometern: Auf der Kanalinsel Guernsey gibt es nur eine Gerade, die länger als 300 m ist und das ist die Landebahn des lokalen Flughafens. Ansonsten gibt es jede Menge Kurven, die aber zumeist im hässlichen 90 Grad Winkel verlaufen. Eines Tages wurde ich mit meinem Möbelwagen erbarmungslos von einem Mini Cooper über die halbe Insel gescheucht. Auf dem Parkplatz am Cap White stellte sich dann heraus, dass die beiden rustikalen, älteren, englischen Damen im Mini lediglich ein Foto von sich und der Maschine machen wollten. Wie nett – bitte schön.
Auf der Fahrt von Basel nach Karlsruhe stank die E-Glide grauenhaft nach Sprit. Beim eingelegten „Notstopp” stellte sich heraus, dass ich schlichtweg vergessen hatte, den Plastikverschluss unter der schönen Chromabdeckung reinzudrehen. Lustig wurde der Vorfall erst, als ich beim nächsten Tankstopp auf der Zapfsäule einen Drehverschluss eines Mazdas fand und feststellte, dass er passte. Da gibt es doch glatt noch mehr vergessliche Schussels!
Auf verwinkelten Pfaden erklomm ich einmal einen Pass oberhalb des Lago di Como, auf dem uns ein herrliches, natürliches Eldorado erwartete. Hier oben tummelte sich alles an Haustieren, was nur denkbar ist. Besonders vorwitzig waren jedoch die Schweine, die sich nach Herzenslust im Schlamm suhlten und mit Leidenschaft an allen parkenden Autos ihre Schwarte scheuerten. In Sorge um die Standfestigkeit unserer Harleys verteidigte meine Frau unsere Eisenrösser, während ich ein paar Bilder vom Aussichtspunkt fotografieren konnte.
Eine letzte, ungestellte Frage will ich Euch noch beantworten: Wie hält man es so lange mit einem solchen Motorrad aus? Nach einem Fulldresser-Jahr bin ich den Rest der Zeit auf einer „Light Version” unterwegs gewesen, die sich durch gnadenloses Gewichtstuning auszeichnete (kein Topcase, keine Beinschilder, Einzelsitzbank, niedrige Scheibe). Dazu kamen als technische Änderungen wie Stahlflexbremsleitungen (bringen für den normalen Fahrer wirklich nichts außer Gebühren für den TÜV) und kurze Dämpfer (wenn schon niedriger, dann lieber die billigere und bequemere Lösung des Tieferle- gungskits wählen).
Der Erfolg aller Maßnahmen liegt auf der Hand oder besser gesagt auf der Straße: Die Electra Glide fährt sich logischerweise handlicher, schneller und sparsamer, aber sie ist von der Agilität ähnlicher Tourer immer noch Welten entfernt. Jedoch mit einem beherzten Einsatz und guter Streckenkenntnis kann einiges wett gemacht werden. Dabei bringt das Fahrwerk einen als erstes ans Limit, wenn denn der Motor erstmal auf Trab gebracht worden ist. Und allen Ungläubigen zum Trotz, die Bremsen tun in vernünftiger Weise das, wozu sie gebaut werden: sie bringen die Fuhre zum Stehen. Das Überzeugendste am Harleyfahren ist für mich aber nach wie vor, dass man sich nicht für das Langsamfahren schämen muss, und die Straßenverkehrsordnung lässt sich zumindest im norddeutschen Raum ohne Schwierig- keiten und in angenehmer Weise einhalten (in den Alpen oder Mittelgebirgen wohnhaft würde ich es wahrscheinlich nicht auf dieser „Dampfwalze” aushalten). Der unvergleichliche Sound, der mit TÜV Genehmigung zwar Mühe machte und zeitraubend war, aber eben das Non plus ultra dastellt, begeistert mich und etliche Zuhörer immer wieder von neuem.
Soviel zu den 100.000 km im Sattel eines Motorrades. Nächstes Jahr werden 200.000 km überschritten sein und die Sporty meiner Frau peilt die 100.000 km-Marke an. Vielleicht ein Grund im nächsten Winter erneut zum Griffel zu fassen.


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