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Günther’s Typen-Geschichte

aus bma 12/93

von Dietmar Wischmeyer

Günther, der Treckerfahrer zum Thema Motorradfahrer
Ungefährer Wortlaut der Performance von Dietmar Wischmeyer anläßlich der Vorstellung des neuen Boxers bei BMW in Braunschweig…

Moin. Jetz, wos draußen nich mehr ganz so fußkalt is, bügeln ja wieder die ganzen Plastikköbbe mit ihre Eierfeilen durche Gegend. Meistens sinse ja dermaßen schnell vorbeigeballert, daß man ganich mitkricht, was fürn Teil die sich nu zwischen die Stelzen geklemmt ham. Also erzähl ich Euch ma kurz, was es da überhaup für ne Knalltüten gibt aufe Straße.

Der Mofafahrer, die unterste Kategorie

Entweder hamse ihn grad zum dritten Mal den Lappen wechgenommen oder er is zu knickerich zum Führerscheinmachen. Meist fährt er mit seine untermotorisierte Versagermühle nachn Supermarkt hin un packt sich den wacklichen Anhänger voll mit Kartoffelchips und Koma-Pils aus Einweechpullen. An Wochenende, wenn er ma nich gerade Kartoffelchips frißt, säächt er bei sein Mofa den Krümmer ab, damit ihn die Mountainbikefahrer nich dauernd versägen.
Am härtesten sin die Mofaidioten, die ihrn gammeligen Schrotthaufen mit tausend Rückspiegeln un Plastikfummel dermaßen aufmotzen, dasse bei Gegenwind nich mehr vonne Stelle kommen. Der größte Traum dieser Nieten is, einmal mitn Mofa aufe Autobahn un Hauptdarsteller innen Verkehrshinweis wern.

Der MZ-Fahrer

Gekauft hatter sich meist die Zonenfeile schon vor zich Jahn, als es die Sachsenharley noch bei Neckermann innen Grabbelständer gab. Ihn isses scheißegal, daß der Zweitakthobel häßlich is wie de Nacht un der Tank obendrauf sitzt wie ein fettes Krebsgeschwür, is ihn deshalb alles egal, weil er selber häßlich is wien toter Iltis vorn Schminken. Anne Füße meist Gummistiefel, danne gelbe Gummihose aussen Straßenbau, weissu, es könnt ja ma reechnen, un obenrum ’n Parka ausse Kaufhalle. Den Helm hatter gebraucht von ein Kumpel gekricht, der da schon dreimal mit übere Leitplanke gesegelt is un der dem nu doch nich mehr sicher genuch is. So bügelt er auf Honneckers Kettensäge Sonnabend nache Disco hin oder stinkt damit vore Eisdiele rum un wunnert sich, daß ihn die Tussis nich mitn Arsch angucken tun. Seitdem die Zone nu zu Deutschland gehört, ham j a auch die Zweitaktschnitzer aus Zschopau neue Kisten zusammengenietet, nu ham dien englischen Namen unnen österreichischen Motor un sehn aus, als ob ein Koreaner inne Designerabteilung Amok gelaufen wär.

Der Endurofahrer

Seitn paar Jahn, seit es vor lauter komischen Eigenheimsiedlungen und Mülldeponien kein Gelände mehr gab, wern komischerweise die Dinger mitte grobstolligen Reifen immer mehr. Aussehn tun die Typen, als wollten se sofort anne Front fahn, dabei bügeln se bloß nache Eisdiele hin. Wenn se grad nich ihre Rüstung anham, dann rasense meist mit T-Shirt un kurze Hose durche Stadt, dasseja auch ne richtig schöne Schürfwunde zustandebringen, wennse sich ma aufe Fresse legen. Träumen tunse alle davon, dasse mit ihrn bunten Plastikhobel ma durche Sahara krajohlen, wird aber meist nix draus, weil einer ausse Clique immer grad in Krankenhaus liecht, weil er sich anne hochgezogenen Auspuff die Eier gebraten hat.

Der Gold-Wing-Fahrer

Das Motorrad als Einbauküche is sein größter Traum. Er sitzt fett aufen Kunstledersessel, hinten sitzt Mamma, ausse Packtasche glotzt der Pudel und vome innen eingebauten CD-Spieler läuft Country-Musik. Das ganze Wochenende überleecht er sich, wo er nochen Gerät einbauen kann un wo er noch DC-Fix-Folie in Eichenfumiermaserung drüberkleben kann. Nu hat er sich schon neben den Tank ne Mikrowelle eingebaut un annen Lenker n Videorecorder, weiß aber noch nich, wie er noch seine Kaffemaschine unterbringen soll, ohne den Geschirrspüler nochma auszubauen.
Der typische Gold-Wing-Fahrer is irgendwas zwischen 40 un 60, seine Alte färbt sich die Haare un er würd sich an liebsten auch noch die Eier verchromen lassen.

Der Harley-Fahrer

Früher hatten die ja meist n Schlagring un ham an ihrn Kisten alles wechgeflext, was irgendwie ging, un den Rest hamse mattschwarz übergejaucht. Aufn Kopp saß gerne auch ma n Wehrmachtsstahlhelm un drei Harleyfahrer hatten mehr Jahre Vorstrafen ufn Puckel als ne Schildkröte alt wird.
Die schönen Zeiten sinnu vorbei. Heute knattert die Midlife-Crisis durch die Altstadt, hatn Police-Helm auf unne Fransenjacke an. Unter der Jeans träächt der neue Harley-Fahrer Boxershorts mit Harley-Abzeichen, sogar zuhause auf sein Lokuspapier hat er noch ne amerikanische Flagge mit ner Eins drauf. Das kost natürlich alles ein Schweinegeld, deshalb muß er nebenbei noch als Zahnarzt oder Werbefuzzi arbeiten.
Alles an sein Schrotthaufen hat er verchromen lassen, bis auf die Sitzbank, die is aus Bergziegenpenisleder oder sowas, jedenfalls sauteuer un superempfindlich. Die Harley steht entweder bein Italiener vore Tür oder bein Händler inne Reparatur. Zur Not wirdse auch ma gefahn, aber nur, wenns nich reechnet.
Der neumodische Harleyfahrer wollte schon seit seiner Jugend immer ne Harley fahn, das liecht hauptsächlich daran, daß er ne mädchenhafte Solex-Mofa fahn mußte als Jugendlicher, als seine ganzen Kumpels mit ihrn Kreidler-Mustangs ihn die scharfen Schnitten weggeschnappt ham. Damals hat er sich geschwohrn, irgendwann würd er sie alle naßmachen mit seine Harley. Nu isser 45, hat seinen überteuren Chromsessel, bloß die Schnitten von damals fahn jetz viel lieber Opel Vectra.

Der Joghurtbecher-Fahrer

Hauptsache schnell, Hauptsache viel buntes Plastik, danach sucht er sich sein Ofen aus. Wo er herfährt merkt er sowieso nich, weil er eh nur auf sein Drehzahlmesser glotzt bein Fahn, trotzdem reecht er sich auf, weiln paar Bergstrecken gesperrt sind, weil solche wie er sich da gern ma tot fahn. An Wochenende brüllt er an liebsten 800 km über die Autobahn, trinkt anner Tankstelle ne Tasse Kaffe un fährt wieder nach Hause.
Alles an ihm is mörderisch modern, sogar seine Unterhose kommt ausse Weltraumforschung un vorn drin träächt er Schwanzprotektoren aus Kevlar. In ein Land ohne Ampel würd er verrückt wern, weil er nich alle zweihundert Meter die grelle Eierfeile so hochreißen könnte, daß die Arme fünf Zentimeter länger wern.

Der BMW-Fahrer

Von denen gibs ja mehrere, die eigentlich nix mitenander zu tun ham. Da sin ers ma die Daddies, die sich anfang der Siebziger ne Strich fümf gezogen ham un die nu jeden Sonnabend vore Garage fahn un eben mitn feuchten Lappen übem Tank gehn. Die ham nur eine Sorge, dasse eher abkratzen als ihre BMW und ihre Witwe mitn Akopads übern Chrom rubbelt.
Ja, un da ham wir noch die Heinis, die sich Ende der Siebziger ne 1000er Boxer mit Vollverkleidung zugeleecht ham. Die würdn nu jedes Wochenende an liebsten zun Nordkap bügeln un sichn neuen Aufkleber anne Packtasche haun. Weil das aber ihre Alte nich mitmacht, tunse so als ob bei ihnen vore Garage direkt der Polarkreis anfängt un baun sich erstma ne Griffheizung an ihrn Eimer dran.
Als die K-Reihe aufn Markt kam fanden die alle Boxerfahrer logisch voll Scheiße, weil die klingt wie ne Waschmaschine innen Schleudergang. Soviel Hosketüten kann man an die Gurke gar nich dran machen, bissu dan vemünpftiges Geräusch rauskrichst. Trotzdem hamse se dann doch alle gakauft, weil die nich ganz so verboten aussah wie die Schlitzfeilen. An härtesten war denn aber die K 1, die schnellste Zahnpastatube der Welt, ein Wendekreis wien LKW und verkleidet wien Motorroller aus Rumänien. Wenn du da ne R50 nebenstellst, mussu denken, irgendwann in den Achtzigern ham die Außerirdischen die BMW-Designerabteilung überfallen.
Das Gegenteil war nu in letzten Jahr die R 100 R, der sogenannte klassische Boxer, sieht zwar auch kaum klassisch aus, eher wien indischer Lizenznachbau der R75, fährt aber besser als die alten Gummikühe, deshalb ham die da im letzten Jahr dermaßen viele von verkauft, daß der BMW-Motorradchef seinen Posten verloren hat wegen Übersollerfüllung. Also das Teil verkauft sich wie Bananen in Magdeburg, sieht noch aus wien richtiges Motorrad un nich wie die hyperverchromten Angeberfeilen aus Amerika un is auch noch zehntausend Maak billiger als son Eisenhaufen aus Milwauki.
Fragt man sich nu, warum um alles in der Welt baun die einen neuen Boxer, der alte war doch assrein, ja habich auch keine Ahnung, müßt Ihr ma die Fredis von BMW fragen…

 

 

 


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