aus Kradblatt 10/26 von Norbert Baier, www.avp-institut.de

Was Trainer sofort sehen und Fahrer oft nicht merken

Der Artikel wurde mit freundlicher Unterstützung des Institut für angewandte Verkehrspädagogik e.V. (AVP) bereitgestellt und dient der Förderung der Sicherheit aller Teilnehmer am öffentlichen Straßenverkehr. In einer siebenteiligen Serie beleuchten wir verschiedene Themen.

Trainer bringen einen zum Hinterfragen des eigenen Verhaltens
Trainer bringen einen zum Hinterfragen des eigenen Verhaltens

Wenn ich Motorradfahrer beobachte, fällt mir eines immer wieder auf: Das Gefühl, das jemand für sein eigenes Fahren hat, stimmt oft nicht mit dem überein, was tatsächlich passiert. Für den Fahrer fühlt es sich flüssig, kontrolliert und stimmig an. Und genau da wird es interessant. Denn dieses Gefühl entsteht aus dem, was funktioniert – nicht aus dem, was wirklich sauber ist.

Ich sehe das oft innerhalb weniger Minuten. Nicht, weil ich besser fahre, sondern weil ich von außen drauf schaue und gezielt auf die Dinge achte, die sich wiederholen. Viele Abläufe passieren unbewusst. Der Blick, die Linie, die Körperspannung, der Einsatz der Bremse. Solange das irgendwie funktioniert, gibt es keinen Anlass, etwas zu hinterfragen. Genau deshalb schleifen sich Muster ein, die über Jahre bestehen bleiben.

Hilfestellung, Motivation, Feedback
Hilfestellung, Motivation, Feedback

Was einen guten Trainer ausmacht, ist nicht die Anzahl der Übungen, die er kennt, sondern die Fähigkeit, genau diese Muster zu erkennen und einzuordnen. Ich schaue nicht auf einzelne Fehler, sondern auf Wiederholungen. Ist der Blick durchgängig zu kurz und zu nah am Motorrad? Wird die Linie aktiv gewählt oder ergibt sie sich zufällig aus der Situation? Arbeiten die Hände permanent am Lenker, obwohl das Motorrad eigentlich stabil laufen könnte? Wirkt der Fahrer verkrampft oder locker auf seinem Motorrad? Das sind keine spektakulären Auffälligkeiten, aber sie ziehen sich durch das gesamte Fahrverhalten. Für den Fahrer fühlt sich das oft normal an, weil es ja funktioniert. Von außen ist es eindeutig, weil sich diese Muster konstant zeigen.

Ein typisches Beispiel ist die Selbstwahrnehmung. Viele Fahrer sind überzeugt, ruhig und sauber zu fahren. Wenn ich hinterherfahre oder von außen beobachte, sehe ich häufig etwas anderes. Für den „Video-Beweis“ setze ich gerne eine Kamera ein, damit kann ich den Teilnehmern von außen zeigen, was ich meine. Kleine Korrekturen, ein unruhiger Lenker, eine Linie, die nicht ganz passt, Reaktionen, die einen Tick zu spät kommen. Nicht dramatisch, aber konstant vorhanden. Genau das ist entscheidend, denn es geht nicht um den einen Fehler, sondern um das Muster dahinter. Ein guter Trainer erkennt diese Zusammenhänge und macht sie sichtbar.

Ein weiterer Punkt ist die Wahrnehmung von Geschwindigkeit und Reserve. Viele Fahrer unterschätzen, wie nah sie sich an ihrer persönlichen Grenze bewegen. Nicht im Sinne von „zu schnell“, sondern im Sinne von „zu wenig Spielraum“. Ich sehe, wann Entscheidungen zu spät getroffen werden, wann Situationen unnötig eng werden und wann jemand anfängt zu arbeiten, obwohl er eigentlich nur sauber und entspannt fahren müsste. Diese fehlende Reserve ist für den Fahrer schwer zu greifen, für mich aber klar erkennbar.

Trainer können direkt korrigierend eingreifen
Trainer können direkt korrigierend eingreifen

Auch der Umgang mit dem Motorrad ist ein zentrales Thema. Viele greifen stärker ein, als notwendig wäre. Sie halten fest, korrigieren ständig, versuchen aktiv zu kontrollieren. Das Motorrad wird mit Kraft geführt, aber nicht laufen gelassen. Von außen wirkt das unruhig und ineffizient. Für den Fahrer fühlt es sich dagegen oft aktiv und sicher an. Genau hier liegt ein wesentlicher Unterschied zwischen Gefühl und Realität. Ein guter Trainer erkennt, ob jemand mit dem Motorrad arbeitet oder dagegen arbeitet, und setzt genau dort an.

Fotos und Videos können bei der Analyse helfen
Fotos und Videos können bei der Analyse helfen

Ein weiterer entscheidender Punkt ist die Konsequenz. Viele Fahrer machen die richtigen Dinge – aber nicht durchgängig. Der Blick passt in einer Kurve, in der nächsten nicht mehr. Die Linie ist einmal sauber, dann wieder zufällig. Die Bremse wird genutzt, aber nicht rechtzeitig. Diese kleinen Abweichungen summieren sich und führen dazu, dass das Gesamtbild instabil bleibt. Genau das ist es, worauf ich achte. Nicht auf einzelne gute Momente, sondern auf die Qualität über die gesamte Fahrt.

Das Entscheidende dabei ist nicht die Bewertung, sondern die Klarheit. Ein guter Trainer beschreibt, was tatsächlich passiert, nicht das, was sich gut anfühlt. Er macht Zusammenhänge sichtbar und gibt konkretes, individuelles Feedback. Nicht allgemein, nicht pauschal, sondern bezogen auf den einzelnen Fahrer. Genau das ist für viele der erste echte Aha-Moment. Nicht, weil sie etwas völlig Neues lernen, sondern weil sie zum ersten Mal sehen, was sie wirklich tun. Alleine ist das kaum möglich. Man kann sich beim Fahren nicht selbst beobachten, sondern nur fühlen. Und dieses Gefühl ist oft trügerisch.

Deshalb ist die Außenperspektive so wertvoll. Sie wirkt wie ein Spiegel, der das eigene Fahrverhalten sichtbar macht. Im Training entsteht genau dieser Effekt. Aus einem Gefühl wird eine Erkenntnis, und aus dieser Erkenntnis entsteht die Möglichkeit, gezielt etwas zu verändern. Am Ende geht es nicht darum, perfekt zu fahren. Es geht darum, zu verstehen, was man tut. Denn nur wer erkennt, was tatsächlich passiert, kann bewusst eingreifen und sein Fahren stabilisieren. Und genau dort beginnt Entwicklung.

Tipps zum Trainieren:

  • Achte bewusst auf deine Selbstwahrnehmung beim Fahren
  • Lass dein Fahrverhalten regelmäßig von außen beobachten
  • Arbeite gezielt an wiederkehrenden Mustern
  • Achte auf Konsequenz statt auf einzelne gute Momente
  • Nutze Feedback als Grundlage für Veränderung

Weitere Teile der Serie erschienen ab KRADblatt 5/26. Die Ausgaben findet ihr <hier> als Download.
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