aus Kradblatt 7/26 von Norbert Baier, www.avp-institut.de

Warum es sich lohnt, genauer hinzuschauen

Fehler aus der Praxis und wie man sie erkennt

Der Artikel wurde mit freundlicher Unterstützung des Institut für angewandte Verkehrspädagogik e.V. (AVP) bereitgestellt und dient der Förderung der Sicherheit aller Teilnehmer am öffentlichen Straßenverkehr. In einer siebenteiligen Serie beleuchten wir verschiedene Themen.

Bewusst Motorrad fahren - Entscheidungen konsequent treffen
Bewusst Motorrad fahren – Entscheidungen konsequent treffen

Wenn man Motorradfahrer fragt, wie sie in einer kritischen Situation reagieren würden, kommen meist klare Antworten. „Ich bremse!“ oder: „Ich weiche aus!“ Das klingt nach einer bewussten Entscheidung. In der Praxis läuft es aber anders. Wenn es eng wird, bleibt keine Zeit zum Abwägen. Dann greift das, was im Kopf verankert ist. Routinen, Muster, Reflexe.

Viele Situationen beginnen un­spektakulär. Eine Kurve, ein Fahrzeug, ein kleiner Einschätzungsfehler. Erst im Verlauf wird klar, dass etwas nicht mehr passt. Die Kurve zieht sich zu, das Tempo ist etwas zu hoch, der Abstand wird kleiner. Und genau hier liegt der kritische Punkt. Viele reagieren zu spät. Nicht, weil sie es nicht könnten, sondern weil sie zu lange darauf vertrauen, dass es schon passen wird. Erst wenn klar wird, dass es nicht mehr passt, entsteht Druck. Und dann wird es hektisch.

Die erste Reaktion ist häufig das Bremsen. Allerdings oft zögerlich und unklar. Ein leichtes Anlegen der Bremse, kein konsequenter Impuls. Gleichzeitig bleibt der Blick unsauber und die Linie instabil. Das Pro­blem ist nicht das Bremsen, sondern der Zeitpunkt und die Entschlossenheit.

Bremsen und/oder ausweichen. Fahrsicherheitstrainings helfen!
Bremsen und/oder ausweichen. Fahrsicherheitstrainings helfen!

Dabei ist Bremsen das wirkungsvollste Mittel, um eine Situation zu entschärfen. Es reduziert Geschwindigkeit, schafft Zeit und bringt Ruhe. Und es hat einen ganz einfachen Effekt: Wenn es trotzdem schiefgeht, knallt es leiser. Weniger Geschwindigkeit bedeutet immer weniger Energie.

Wie groß dieser Unterschied ist, wird oft unterschätzt. Aus etwa 50 km/h steht ein Motorrad bei einer konsequenten Gefahrbremsung nach rund 10 Metern. Aus 100 km/h sind es ungefähr 40 Meter. Die Geschwindigkeit verdoppelt sich, der Bremsweg vervierfacht sich.

Auch die Zeit spielt eine entscheidende Rolle. Die reine Bremszeit liegt bei etwa 1,5 Sekunden aus 50 km/h und bei ungefähr 3,1 Sekunden aus 100 km/h. Diese zusätzlichen eineinhalb Sekunden klingen wenig, sind aber entscheidend. In dieser Zeit muss erkannt, entschieden und gehandelt werden. Wer spät reagiert, hat diese Zeit nicht mehr zur Verfügung.

Das Ausweichen wird häufig als gleichwertige Alternative gesehen. In der Vorstellung funktioniert das schnell und effektiv. In der Realität ist es deutlich anspruchsvoller. Ein sauberes Ausweichmanöver erfordert einen klaren Blick, eine stabile Fahrzeugführung und vor allem eine eindeutige Entscheidung.

Und genau hier liegt das Problem! Ausweichen macht nur dann Sinn, wenn das Hindernis kalkulierbar ist. Im Idealfall statisch. Ein stehendes Fahrzeug, ein klar erkennbares Hindernis, eine eindeutig freie Lücke. Nur dann kann ich entscheiden, wohin ich ausweiche.

Inkonsequent gebremst - da war die KRADblatt-SV Schrott
Inkonsequent gebremst – da war die KRADblatt-SV Schrott

Sobald sich etwas bewegt oder unklar ist, wird diese Entscheidung unsicher. Ein entgegenkommendes Fahrzeug, der fließende Verkehr, eine Situation, die sich noch entwickelt. In solchen Momenten weiß ich oft nicht, wohin ich ausweichen soll. Und genau dann wird das Ausweichmanöver zum Risiko. Hinzu kommt, dass der seitliche Versatz begrenzt ist. Selbst bei sauberem Impuls sind in der Praxis oft nur ein bis zwei Meter realistisch. Mehr ist unter realen Bedingungen selten machbar. Der Raum, den man gewinnt, ist also deutlich kleiner, als viele annehmen.

Bremsen funktioniert dagegen immer. Unabhängig davon, ob das Hindernis statisch ist oder sich bewegt. Unabhängig davon, ob ich genau weiß, was gleich passiert. Es ist die stabilste und verlässlichste Reaktion.

Das bedeutet nicht, dass Ausweichen unwichtig ist. Im Gegenteil! Es ist ein wichtiges Manöver. Aber es ist kein Reflex. Es ist eine bewusste Entscheidung. Und genau hier liegt der entscheidende Unterschied.

Bremsen darf ein Reflex sein. Es ist die erste, stabile Reaktion, die in nahezu jeder Situation sinnvoll ist. Ausweichen hingegen muss geplant sein. Es braucht eine klare Situation, einen klaren Raum und eine klare Entscheidung.

Im Training wird das schnell deutlich. Fahrer, die früh und konsequent bremsen, gewinnen Zeit und Optionen. Und genau diese Optionen entscheiden darüber, ob eine Situation sauber gelöst werden kann oder nicht.

Am Ende geht es nicht darum, ob man bremsen oder ausweichen kann. Es geht darum, die Situation so früh zu erkennen, dass man gar nicht erst unter Druck entscheiden muss.

Wer früh reagiert, hat unter Umständen die Wahl. Wer spät reagiert, hat nur noch eine Chance.

Tipps zum Trainieren:

  • Trainiere das Bremsen als Reflex
  • Arbeite am richtigen Zeitpunkt
  • Übe das Bremsen unter verschiedenen Bedingungen
  • Übe Bremsen und Ausweichen kombiniert
  • Ausweichen nur mit klarer Entscheidung trainieren
  • Entwickle realistische Erwartungen an Ausweichmanöver

Weitere Teile der Serie erschienen ab KRADblatt 5/26. Die Ausgaben findet ihr <hier> als Download.
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