aus Kradblatt 9/26 von Mathias Thomaschek, www.zweirad-online.de
Stirbt das Handwerk mit ihm aus?

Egal, wen man in der Motorradszene mit Technikhintergrund fragt: Der Begriff Emil Schwarz aus Urbach zwischen Stuttgart und Schwäbisch Gmünd genießt in der Motorradbranche einen hervorragenden Ruf. Und das nicht erst seit gestern. Obwohl der inzwischen 77-jährige kein universeller Fahrwerksguru ist, sondern sich allein auf eine Sache spezialisiert hat. Die ist aber bei der präzisen Abstimmung bedeutender, als sich viele vorstellen können.
Grund genug für mich, ihn und sein Unternehmen zu besuchen und mir seine Arbeit erklären zu lassen.Hier treffe ich an diesem Tag auch Heiko Höbelt, den Inhaber von CLS Kettenschmier- und Griffheizungssystemen und habe damit auf einen Schlag zwei ganz spezielle Charaktere beisammen.
Emil Schwarz ist – zumindest im deutschsprachigen Raum – der einzig bekannte Spezialist, der Lenkkopf- und Schwingenlager an Motorradfahrwerken auf hochwertige Kegelrollenlager umrüstet. Warum dies nachhaltig zum präzisen Fahrverhalten beiträgt, ist mit wenigen Sätzen und etwas Physik erklärt.
Sowohl auf das Steuerkopf- als auch auf das Schwingenlager wirken bekanntlich lange Hebelarme. Das bedeutet: wenn es hier schon nicht spielfrei funktioniert, wackelt es an den Radaufnahmen am Ende der Hebel um ein Vielfaches mit dem Ergebnis, dass das Motorrad nicht genau dorthin fahren kann, wo sein Fahrer eigentlich hin will. Schlimmer noch: es pendelt manchmal auch, oder macht andere Sachen, die nicht zur perfekten Straßenlage beitragen.
Dabei haben die beiden Komponenten wichtige Schlüsselfunktionen in der Fahrwerkstechnik. Vereinfacht gesagt: Der Rahmen kann noch so steif, die Federelemente noch so hochwertig sein – wenn’s hier nicht präzise passt, dann kann auch der Rest nicht perfekt funktionieren.
Warum aber verbauen die Motorradhersteller dann nicht schon ab Werk hochwertige Komponenten? Weil das für die Großserie viel zu teuer wäre. Und – Hand aufs Herz – ein Großteil der Motorradfahrer auch damit zurechtkommt, weil sie es ja nicht anders kennen.

Dann gibt es aber auch diejenigen, die alles möglichst perfekt haben wollen. Und jetzt kommt Emil Schwarz ins Gespräch. Der frühere Motorradhändler entwickelt und montiert schon seit 1983 Präzisionsteile für Motorräder. Ausschlaggebend für ihn waren damals die Aufnahmen des Steuerkopflagers an einer Honda CB 900. Aufgeschweißt auf den restlichen Rahmen saßen sie nicht parallel zueinander und waren dazu durch die Schweißerei auch unrund.
Der schwäbische Präzisionist schafft in solchen Fällen Abhilfe. Mit einem Walzenstirnfräser werden zunächst die beiden Lageraufnahmen am Steuerkopf nachbearbeitet und so ein optimaler Sitz geschaffen. Da kann sich später nichts mehr setzen und für Spiel sorgen. Durch einen Führungsdorn und passende Adapter sorgt Emil auch für die Parallelität der beiden Lagersitze.
„Eigentlich repariere ich nur den Murks, den die Kaufleute in den Motorradwerken aus Kostengründen verbocken,“ erklärt er dazu seine Geschäftsgrundlage seit über 40 Jahren. Warum er dabei noch heute der einzige Anbieter weit und breit ist, erklärt sich aus seiner gesammelten Erfahrung.

In der für Außenstehende völlig chaotisch wirkenden Werkhalle greift der 77-jährige mit schlafwandlerischer Sicherheit genau ins richtige Fach, um passende Fräser, Passdorne und Austreibwerkzeuge herauszunehmen. Dazwischen wird immer wieder gemessen. Nicht nur mit dem Messschieber, sondern auch Tastern, an denen Messuhren aufs Hundertstel genau anzeigen. Er ist halt ein Perfektionist. Das ist sicher auch der Grund, warum er als Einzelkämpfer durchs berufliche Leben zieht.
Dieses Einzelkämpfertum hat noch einen zweiten und durchaus wirtschaftlichen Grund. Denn, was Emil Schwarz macht, ist im Prinzip pures Handwerk. Das kann jeder halbwegs geschickte Werkzeugmacher oder Vorrichtungsbauer auch. Viel wichtiger ist seine in den vielen Jahren und durch 15.000 verkaufte Lagersätze gesammelte Erfahrung. Sie weiterzugeben würde bedeuten: Sein Können wird reproduzierbar und er schafft sich so einen potentiellen Mitbewerber.
Mit dieser Problematik ist Emil Schwarz nicht allein. Heiko Höbelt, der bei meinem Besuch ebenfalls in Urbach weilte und Rahmen samt Schwinge einer wiederaufzubauenden Yamaha Super Ténéré mitgebracht hatte, ist mit seinem Kettenschmiersystem genau so ein Einzelkämpfer. Hier geht es nicht nur um die von ihm entwickelte und produzierte Technik, sondern auch um den perfekten Einbau in die verschiedensten Motorradmodelle. Daran sind schon gestandene Zweiradmechaniker kläglich gescheitert.

Zurück zu Emil Schwarz. Der hat inzwischen an Heikos Rahmen die Lagersitze fertig bearbeitet und setzt jetzt die passenden Lagerschalen am Steuerkopf ein. Je nach Nachbearbeitung benötigt er hier Übermaßgrößen, Normteile würden nicht halten. Wieder messen, Schub auf – ein Griff, und die exakt passende Lagerschale sitzt kurz darauf perfekt im Rahmen. Das Gleiche geschieht auch bei den Aufnahmen der Schwinge. Hier werden ebenfalls Präzisionslager verwendet und bei dieser Gelegenheit mit dem passenden Werkzeug Parallelität hergestellt. „Du glaubst gar nicht, wie viele Motorräder hier schon mit krummen Aufnahmen vom Band rollen,“ ist dazu sein Kommentar.
Die beiden Perfektionisten sind sich spätestens jetzt einig: „Da geben Leute viel Geld für sündhaft teure Fahrwerkselemente aus. Bei den Lagern lassen sie alles so, wie es ist, Klar, so eine goldene Gabel oder quietschbunte Federn machen optisch schon was her. Ein optimiertes Steuerkopf- oder Schwingenlager sieht man dagegen nicht.“
Ich will vom Emil wissen, ob die Qualität der Serienlager auch mit dem Preis der Fahrzeuge steigt. Er lacht und nennt Ducati als Beispiel. „Bei denen habe ich schon viele ovale Lager nachgearbeitet, die sich durch das Anschweißen verzogen haben,“ erklärt er. Um dann nachzuschieben: „Aber bei KTM und BMW ist es manchmal auch nicht besser.“ Honda würde inzwischen wohl ganz passable Arbeit quer durch alle Modelle ab Werk liefern.

Bei den verwendeten Lagern hilft wieder jahrzehntelange Erfahrung. Die Liste seiner weltweiten Lieferanten, die ihm genau das Passende in der richtigen Qualität liefern, ist dabei sicher ein weiterer wichtiger Punkt seines Erfolges.
Natürlich kann man bei Emil Schwarz auch Lagersätze kaufen und selbst montieren. Das hilft oft bei älteren Modellen, wenn die Originalteile am Ende sind und sowieso getauscht werden müssen. Aber perfekt ist es natürlich nur dann, wenn auch der Sitz bearbeitet wird, und bei der Montage nicht schon die ersten großen Fehler gemacht werden.
„Ich habe mal einem guten Kunden seine KTM 1290 Superduke umgerüstet. Die hat vorher so gewackelt, dass er dem Händler schon mit Wandlung gedroht hat. Danach war er restlos begeistert.“ An dieser Stelle hakt Heiko, der schon seine Husqvarna Nuda 900 von Emil Schwarz optimieren ließ, nach: „Die habe ich hinterher im Fahrverhalten nicht mehr wiedererkannt, das war ein krasser Unterschied.“
Hier liegt wohl auch der Grund, warum nicht längst noch mehr Motorradfahrer ihre Bikes an diesen zwei neuralgischen Fahrwerkspunkten nachrüsten. Vielen reicht, was die Fahrwerke von der Stange können, für den normalen Fahrbetrieb völlig aus. Erst für Puristen, die sich nie mit mehr oder weniger gelungenen Kompromissen zufrieden geben, sind solche Eingriffe ins Fahrwerk eine Option.Und ganz billig ist es auch nicht. Für einen passenden Steuerkopfsatz ruft Emil Schwarz 175 Euro auf. Wer seinen Rahmen komplett optimieren lassen will, ist mit rund 500 € inklusive Bearbeitung der Lagersitze dabei.
Auch Umlenkhebel, die unscheinbar im Motorrad versteckt ihren Dienst tun, können durch den Einsatz verbesserter Lager einiges zum optimalen Fahrverhalten beitragen. Das macht der Schwäbische Spezialist natürlich auch. Selbst bei Radlagern kann er weiterhelfen. Oder dank seines großen Werkzeugmaschinenparks auch Präzisionsteile für Klassiker oder Rennsporteinsätze nachfertigen.
Zum Schluss zeigt er mir eine Schwinge mit von ihm bearbeiteten Aufnahmen. Und drückt mir die dazu passende Achse in die Hand. Ich darf sie probieren und muss feststellen: Selbst mir als gelerntem Mechaniker ist selten eine derart präzise Passung geglückt. „Leicht saugend“ höre ich im Geist meinen Hercules-Lehrmeister Rudolf „Hugo“ Vogelhuber in Gedanken anerkennend murmeln. Darin steckt im Endeffekt das Geheimnis optimierter Fahrwerke. Bewegen darf und muss es sich, schlackern darf’s nicht. Denn was an Spiel nicht vorhanden ist, kann sich auch im Fahrbetrieb nicht nachteilig potenzieren.
Zum Schluss frage ich Emil nach seiner weiteren beruflichen Zukunft. Er wird ernst, zuckt mit den Schultern, und meint dann nur: „ich kann mir nicht vorstellen, dass noch jemand den ganzen Laden, übernimmt. Und mein Wissen, dass ich mir in den ganzen Jahren angesammelt habe, kann man nicht in ein paar Wochen oder Monaten übernehmen. Eines Tages sperre ich hier zu. Dann ist es vorbei.“ Er wäre nicht der Erste mit diesem Schicksal.
Ob es aber auch irgendwann sowieso nicht mehr notwendig ist, Fahrwerkslager zu optimieren, weil die Hersteller das übernehmen? Wir sind uns einig: Solange der Konstrukteur mit dem Excel-Akrobaten aus der Kalkulation ringt und dann der Kaufmann doch Oberhand behält, gibt es für Emil Schwarz und einen (vielleicht doch auftauchenden) Nachfolger marken- und modellübergreifend noch genug zu tun.
Mehr Infos gibts unter https://emilschwarz.de/.
Heiko Höbelt, CLS-Inhaber und bekennender Schwarz-Fan:
Vor einigen Jahren kam mein Freund Peter Semmler zu mir und hat mir berichtet, dass er mit seiner KTM 990 SMR bei Emil Schwarz war und dort Lenkkopf und Schwinge hat lagern lassen. Da sei nun kein Spiel mehr in den Lagern, und das Motorrad fährt sich jetzt viel besser.
Ich konnte mit der Aussage eigentlich nicht wirklich was anfangen, denn das war mir alles zu abstrakt und erschien mir unnötig, mein Motorrad fährt ja auch so ganz gut.
Einige Jahre später hatte ich Probleme mit der Lagerung des Lenkkopfes und dem seitlichen Spiel der Schwinge bei meiner Husqvarna Nuda 900 R. Da erinnerte ich mich: Es gibt da ja einen Spezialisten. Nach dem Motto „Wenn man etwas macht, dann gescheit oder gar nicht,“ habe ich einen Termin gemacht und bin nach Urbach bei Stuttgart gefahren.
Was da genau gemacht wurde, erklärt der Matthias ja im Bericht. Ich kann nur sagen, der Unterschied, den ich für trivial gehalten hatte, war extrem. Allein beim Anbremsen kommt ein besseres Feedback vom Vorderrad. Die Nuda fährt seitdem wie auf Schienen; die gewählte Linie wird, ohne korrigieren zu müssen, exakt eingehalten. Das ist der Hammer.
Der Nachteil ist, dass man kein Serienmotorrad mehr fahren kann, ohne dass einem das abgeht. Also musste ich auch mit der KTM 890 Duke R zum Emil und die alte Yamaha XTZ 750, die gerade restauriert wird, eben auch.
Jeder der sich ein besseres Fahrwerk einbaut, hat leider ohne die spielfreie Lagerung von Emil Schwarz ein erhebliches Verbesserungspotenzial nicht genutzt.
Aber das Problem ist: Die Leute geben für optisches und akustisches Zubehör Geld aus. Für Technik, die sie nicht begreifen oder erfassen können, eher nicht. Das kenne ich von meinen CLS Systemen her auch. Wer nur Preise vergleicht, bekommt sehr selten ein richtig gutes Ergebnis.
—
Kommentare