Marcus-mit-Energica_22-10-2019_dece6

Editorial 11/19 – Der Untergang des Abendlandes

Vorwort der Kradblatt-Ausgabe 11/19 von Marcus Lacroix

Warum spaltet die E-Technik die Gemeinde?

Marcus mit Energica EsseEsse9 Special

Wohl kaum ein Thema wird (nicht nur) in der Motorrad-Szene so heiß diskutiert, wie Elektrische Vehikel (EV). Nachdem ABS, Warnwesten & Klapphelme keinen mehr wirklich interessieren, gibt’s endlich wieder ein Thema, über das (echte) Biker sich auskotzen können. 

In dieser Ausgabe haben wir einen Fahrbericht der neuen elektrischen Zero SR/F. Und da ich seit Anfang der Saison und mittlerweile 6000 erfreulichen Kilometern Besitzer eines ebenfalls elektrischen Motorrades bin, will ich hier ein paar Worte dazu verlieren.

Was mich ehrlich überrascht hat ist, mit welcher Engstirnigkeit viele ältere Motorradfahrer auf das Thema E-Mobilität reagieren. Während sich Gespräche „im richtigen Leben“ hauptsächlich um Fahrleistungen, Reichweite, technische Entwicklung und Preise drehen, wird man Online mit Spott und Häme übergossen, wie ich es als Motorradfahrer in über 30 Jahren noch nicht erlebt habe. Das Ganze gepaart mit einem profunden (maximal) Halbwissen und einer pauschalen Ablehnung der (für alte Hasen) unbekannten Technik hat mich anfangs daran zweifeln lassen, ob ich hier überhaupt noch den richtigen Job mache. Letztendlich sind es die vielen Gespräche mit ernsthaft interessierten, vielfach dabei JUNGEN Menschen, die Freude bereiten. 

Zu Beginn meiner „Elektromotorrad-Karriere“ habe ich noch versucht mich zu rechtfertigen. „Ja, ich habe auch noch 2 Verbrenner in der Garage“, „Nein, ich glaube nicht, dass ich so das Klima retten werde“, „Nein, ich bin kein Öko (wobei ich das nicht als Schimpfwort sehe)“, „Ja, auch die Akku-Produktion verursacht Umweltprobleme“ usw., usw. …

Die dummen, sich ständig wiederholenden Witze à la „Lädst du noch oder fährst du schon“ ringen mir kaum noch ein müdes Schmunzeln ab. Die Memes über den angeblich doch so bösen Wasserverbrauch (Sole) bei der Lithium-Produktion habe ich Anfangs noch mit Gegenüberstellungen von Zahlen des täglichen Trinkwasser(!)verbrauchs in deutschen Klospülungen oder dem Verbrauch bei der Rohölförderung gekontert, nur um dem Gesprächspartner mal ein Gefühl für Relationen zu geben. Aber ganz ehrlich: scheiß drauf! Will eh kein E-Gegner hören.

Wer, wie wir Motorradfahrer, nur für den eigenen Genuss und den eigenen Kick mit einem Motorrad durch die Gegend fährt, der macht sich währenddessen keinerlei ernsthafte Gedanken um die Umwelt. Wer das von sich behauptet, lügt sich in die eigene Tasche! Wir wollen Fahrspaß! Und genau aus diesem Grund liebe ich mein Elektromotorrad – trotz aller (noch) technischen Nachteile beim „Tanken“ und bei der Reichweite. Wer eine Probefahrt wagt, dem erschließt sich evtl. eine neue Welt, in der man auch zu Abstrichen bereit ist. Und wer nicht interessiert ist, der hält am besten einfach die Klappe und gönnt dem anderen die Freude. 

Mir persönlich ist es völlig egal, womit ihr durch die Gegend fahrt. Voll aufgebrezelte Reiseenduro mit allen Extras? Warum nicht, ist aber nichts meins. 200 PS Supersportler auf der Landstraße? Auch gut, ist aber auch nicht meins. Immerhin habe ich aber beides ausprobiert, um mir eine Meinung bilden zu können. Habt Spaß mit dem was ihr fahrt, schaut aber auch mal über den Tellerrand.

Offenheit für technische Veränderungen wünsche ich mir auch von Motorradhändlern. Klar, die müssen in erster Linie Geld verdienen und nur mit EV geht das derzeit kaum. Aber kürzlich erzählte mir einer, er wird E-Motorräder aus Prinzip ablehnen, so lange es geht. Wirklich gefahren hatte er aber noch keins. „Warum?“, habe ich ihn gefragt. „Verkaufe dem Kunden doch einfach, was dem Kunden gefällt“. Wenn ein Händler bei uns eine Seite Werbung in türkis mit rosa Punkten haben möchte, kriegt er die auch von mir – Hauptsache ist doch, er hat Spaß daran!


Kommentare

Kommentar hinzufügen

* Pflichtfelder

8 Kommentare zu :
“Editorial 11/19 – Der Untergang des Abendlandes”


  • Adi sagt:

    Lieber Marcus

    Du sprichst mir sowas aus der Seele. Besser geht nicht. Lass uns Spass haben und unsere Elektrobikes geniessen!

  • Paul sagt:

    ich fahre nicht (nur) zum Spaß!
    Das Mopped ersetzt bei mir weitgehend das Auto, wird vom Arbeitsweg über den kleinen Einkauf (Koffer, großer Rucksack) bis zum Ausflug/Besuch und Urlaub benutzt.
    Dabei bin ich 195 cm groß und brauche ein Mopped mit vernünftiger Ergonomie.
    …und ich habe für meine 3 Moppeds zusammen keine 10.000,- ausgegeben

    welche eMoppeds passen da?
    wann kommt der erste eCruiser/Chopper ?

  • Dirk sagt:

    Tja es ist nicht einfach elektrisch unterwegs zu sein. Erleben wir auch täglich, egal ob mit dem Motorrad oder Auto. Dabei geht es uns auch nicht darum die Welt zu retten. Aber es ist auf jedenfall besser zu versuchen etwas zu verändern als ständig nichts zu tun. Nur Veränderung bringt uns weiter.

  • Swen Mager sagt:

    Moinsen!
    Es ist völlig wurscht, was der einzelne davon hält oder ob das Konzept unausgegoren ist oder nicht!
    Die Presse, und das bist auch Du Marcus, hat die Aufgabe jeden neuen Kram, ob gut oder schlecht, zu finden, sich anzuschauen und uns davon zu berichten! Das ist eine schwierige und vertrauensvolle Aufgabe, die Du bisher immer toll gemacht hast! Danke dafür und weiter so!

  • Holger Stolte sagt:

    Hallo Marcus,
    mein Zweitmoped ist elektrisch, eine Zero FX. Ich habe vorher gewusst, dass die für Urlaubstouren nach Norwegen ungeeignet ist. Wird also planmäßig ortsnah eingesetzt. 18.000 Kilometer später macht das Ding immer noch Freude! Vor allen, wenn gerade Krachtüten-Biker feststellen müssen, dass die kleine Zero mit dem fetten Fahrer drauf auch mit viel Lärm und Drehzahl nicht auszubeschleunigen sind…

  • Man verschwendet einfach zuviel eigene Energie, wenn man versucht, den Totschlag-Argumenten von E-Hatern irgendetwas entgegenzusetzen.

    Schon, wie sie alle auf einmal ihre Umweltschutz-Sorgen entdecken beim Gedanken an die Lithium-Förderung .. keiner davon erinnert sich plötzlich mehr an die Ölpest-Katastrophen, an brennende Öl-Plattformen, an den schwarzen Himmel Kuwaits oder den vergifteten Golf von Mexiko.

    Der Fahrspaß ist auf einem E-Motorrad unbestritten – und nur darauf kommt es dem größten Teil von uns Motorradfahrern an.

    Als Befürworter / Interessierter / Aufgeschlossener müssen wir wohl warten, bis eine neue Sau durch’s Dorf „Invididualverkehr“ getrieben wird. Und uns weiterhin über das geniale Fahrgefühl der Drehmoment-Monster freuen.

    Herzliche Grüsse,
    Jürgen von http://www.motorprosa.com

  • Wolfgang Lüschen sagt:

    Hallo Marcus
    Auch ich halte die Elektrofahrzeuge mit Akkus für einen falschen Weg. Nicht zu Ende gedacht das Konzept. Als Nischenfahrzeuge durchaus geeignet, als Flottenlösung muss es für die Zukunft andere Wege geben die Verbrennunsmotoren zu ersetzen.
    Gruß
    Wolle

    Übrigens, deutsches Toilettenabwasser wird heutzuttage geklärt und in Trinkwasserqualität wieder in die Flüsse eingeleitet.

  • Dieter Seifert sagt:

    Derzeit sehe ich den Elektroantrieb noch nicht als eine wirklich umweltschonende Alternative an (weder beim Motorrad noch beim Auto). Ich hoffe, dass die Tüftler jenseits der recht statischen Industrieunternehmen in den nächsten Jahren echte Alternativen entwickeln, an denen die Industrie nicht vorbeikommt. Solange fahre ich noch meine Verbrenner (Motorrad von 2019, Auto von 2014).