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Bin ich Rossi? 5 Sekunden für die Ewigkeit …

aus Kradblatt 11/19 von Jürgen (JvS) Theiner

Ich weiß, es ist blasphemisch, mich Standard-Motorradfahrer mit Motorrad-Superstar Valentino Rossi zu vergleichen. Ich werde es auch nie wieder tun. Aber beim nachfolgenden Erlebnis stellte ich mir doch ganz kurz die Frage: „Bin ich Rossi?”

Motorprosa - Driften will geübt werden... Es geschah an einem Dezembertag vor vielen Jahren, nicht unbedingt einem Tag, an dem irgendwer auf den Straßen des Vinschgaus einen Motorradfahrer erwartet. Vereinzelt sind Vespas zu riechen, aber „richtige“ Motorradfahrer nicht. Einfach ein Tag wie jeder andere. Und eine kurze Zeit im Vergleich zu den Jahren, die ich bisher durch die Weltgeschichte motorradfahren durfte. Noch kürzer sind die fünf Sekunden, die diesen Tag geprägt und in meiner Erinnerung ewig gemacht haben.

Fünf Sekunden … nur ein Augenblick – und doch unheimlich lang.

Und so war das heute: Nach einer langen Nacht bringt ein Blick aus dem Fenster, hinein ins Matscher Tal, meinem Tag Tatendrang. Strahlender Sonnenschein, blauester Himmel, Eiseskälte zwar, aber was soll’s? Ich werde die KTM trotzdem starten, in die Berge fahren, Fotos machen, die Füße baumeln und die Gedanken kreisen lassen.

Das Ding, eine drei Jahre alte KTM 640 LC4, springt nicht an. Beim Drücken auf dem roten Knopf zweifle ich ganz kurz, ob es eine gute Idee war, eine SC-Supermoto zu bestellen, die keinen roten Knopf mehr trägt. Werde ich damit jemals wieder zum Fahren kommen, oder werde ich nur noch kicken und treten, um den Eintopf zum Leben zu erwecken? KTM – Kick Tausend Mal? Wir werden sehen …

Kaum läuft der Motor, verschluckt er sich – tags zuvor den Tank fast leer gefahren, ich erinnere mich dumpf. Also auf in die nahe Schweiz, dort gibt’s Benzin relativ preiswert. Die Kälte ist gut zu spüren; aber weniger am eigenen Leib, sondern eher in der Mechanik – die KTM will nach 10 km Fahrt immer noch nicht im vierten Gang rundlaufen. Arges Ruckeln schüttelt mir meine Knochen zurecht – bis wir beim Abbiegen von Mals nach Laatsch endlich Betriebstemperatur erreicht haben.

Let’s go! Und es let. Die Reifen werden langsam weich, die Sonne schiebt sich durch die Baumwipfel im Calva-Wald und wärmt den Asphalt für mich. Kurz vor Taufers begrüße ich das Kurvengeschlängel auf dem Knie, nehme den einsamen Ford Fiasko auf der Außenlinie, und den ersten Stoppie feiere ich mitten im Dorf, denn meine heutige gute Tat ist das Über-die-Straße-lassen eines älteren Herrn.

Man kennt mich an der Schweizer Grenze – ohne Probleme werde ich durchgewunken, fülle den Tank, kauf’ mir die neue MOTORRAD und mach mich wieder zurück nach bella Italia. Schade, heute ist der junge Zöllner nicht in seinem Häuschen – der, der von uns Motorradfahrern nie die Papiere, aber immer Wheelies sehen will.

Die Malser Haide öffnet sich vor mir, in gleißendes Licht getaucht. Wie eine Einladung, eine Aufforderung: „Komm schon, fahr mich!“ 

Mach ich doch gerne – von der Kreuzung im Wheelie weggefahren, den Fuß nach vorne in der ersten Kehre, sortiere ich meine Sitzposition auf der folgenden Geraden. Die ganze Welt scheint woanders zu sein – freie Bahn. Die Malser Haide ruft lauter: „Komm zu mir, schneller!“ Ich wehre mich noch dagegen, die Links am nördlichen Ortsausgang von Mals fahre ich zittrig – zu viele dicke, weiße Sperrlinien. Die Ortseinfahrt in Burgeis erscheint mir auch komisch verändert, irgendwie eng und unübersichtlich. Liegt wohl an den aufgestellten Schnee-Stöcken, die nah an meinem rechten Arm vorbeifliegen.

Schön, die Windstille. Kein Oberwind, der einem, wenn er anständig bläst, auf der kurzen Geraden bis zur großen Kehre, der sog. „Hoachen Ried“, Schräglagen fahren lässt. Ich schwing’ mich rein in die Kurve – Erde, verneig dich! Mein Knieschleifer zerbröselt am rauhen Belag, ganz kurz mischt sich die Metallspitze meines Stiefels ein ins Konzert von Kettengerassel, Auspuffgetöse, Funkenflug und der Zerspanung von Hartplastik. Fühlt sich gut an, immer wieder.

So geht’s weiter – mal links rum, mal rechts rum, geradeaus wegen Leistungsmangel eher verhalten, aber für die wenigen Autos, auf die ich auflaufe, reicht es. Eines versucht mir, die vorletzte Kurve zu stehlen, aber ich nehme wieder den langen Weg außenrum, es sei mir verziehen. Einen zwinkernden Augenblick lang schau’ ich ihm durch seinen Rückspiegel in die Augen. Nein, der ist mir nicht sauer, der freut sich darüber. Italien halt …

Ich wende. An der unteren Burgeiser Einfahrt breche ich mit einem meiner Vorsätze, der da lautet: „Brenne nicht die gleiche Strecke zweimal hintereinander“. Was auf der Rennstrecke ganz normal ist, hat auf offener Straße öfter mal zum Sturz geführt.

Die fünf magischen Kehren, das gleiche Programm nochmals. Die Welt kippt, fliegt vorbei, mal schneller, mal langsamer, die Tachonadel der KTM tanzt voller Freude. In welch geiler Gegend ich doch wohne, ich sehe beim Anbremsen der Kehren Königsspitze und Ortler vor mir. 

Motorprosa - Bin ich Rossi?

Bergab geht’s – die Kehre, in der das Gefallenen-Denkmal steht – ich lehne mich nach rechts, gebe Druck auf die linke Raste, spreize das rechte Knie etwas ab, nehme den Finger von der Bremse, und der Countdown startet:

6 – Im Kurveneingang: KTM mitsamt JvS geht in Schräglage.

5 – Der rechte Knieschleifer berührt den Boden, ganz leise. Mein Oberschenkel vibriert im Rhythmus des Asphalts, der am Plastik reibt. Die rechte Hand gibt etwas Gas.

4 – Das Vorderrad verliert den Grip, der Lenker klappt um ein paar Grad nach innen, meine Oberarmmuskeln spannen sich.

3,5 – Das Hinterrad verliert den Grip. Die feinen Fahrbahnunebenheiten, die bisher in Lenker und Sitzbank zu spüren waren, verschwinden. Plötzlich wird alles still, ich denke nur noch: „Was …?

3 – Im Scheitelpunkt: angestrengt drücke ich meinen Oberschenkel nach außen und damit den Knieschleifer schwerer in den Boden. Ich blicke auf die „feindliche“ Fahrspur. Frei, aber Leitplanken werfen lange Schatten auf die Fahrbahn.

2,5 – Ich schließe den Gasgriff, und das Hinterrad findet wieder Grip – nur um ihn wegen des Lastwechsels gleich wieder zu verlieren. Mittlerweile bin ich nur noch Passagier, das Geräusch vom Knieschleifer wird immer lauter, der Lenker nähert sich weiter der Straße. Ich drifte in Richtung Fahrbahn-Mitte.

2 – „Das war’s dann wohl …“ Es zieht mir das rechte Bein nach hinten, das gibt eine schöne Zerrung im Schritt.

1 – Im Kurvenausgang. „Das tut gleich weh …“ Das Bein drückt schwer, in den Armen brennt’s. Schweiß bricht aus, während das Vorderrad wieder Haftung findet.

0 – Das Hinterrad fängt sich. Der raue Asphalt dringt erneut durch Lenker und Sitzbank, das Raspeln an meinem rechten Knie wird leiser, die Kräfte, die an meinem Oberschenkel zerrten, verschwinden, die Oberarme entspannen sich. Ich rolle, ohne wieder Gas zu geben, weiter bergab … Aus.

Motorprosa - Noch mal gut gegangen... Bin ich Rossi? Fünf Sekunden. Es hätten fünf Sekunden sein können, bevor einem in den „Leid“planken zerschellenden JvS schwarz vor Augen wird.

Es hätten fünf Sekunden sein können, bevor aus einem kurzen Spaß langer Schmerz wird.

Es hätten fünf Sekunden sein können, bevor durch eine verglühende KTM auch der Traum von einer neuen Supermoto in Rauch aufgeht.

Es waren aber dann die fünf Sekunden, die mich mit Herzklopfen nach Hause trieben, die mir zu verstehen gaben, dass es genug war.

Bin ich Rossi? Der Rutscher übers Knie abfängt und der sich am Limit wohlfühlt? Leider nicht …

PS: Die Kamera war natürlich nicht dabei, die Schnappschüsse entstanden zu anderen Gelegenheiten … 


Besucht Jürgens Blog  „Motorprosa • Geschichten aus der Kurve“ unter www.motorprosa.com. Dort findet ihr weitere Geschichten. Tolle Fotos von Jürgen gibt’s auch auf seinem Instagram-Account unter
www.instagram.com/motorprosa. 


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