aus Kradblatt 10/26 von Ralf Tausche

Mit zwei Suzuki GSX 1100 F (und einem Mercedes) auf Tour …

Nicht nur der Weg ist das Ziel - auch der Polarkreis will erfahren werden
Nicht nur der Weg ist das Ziel – auch der Polarkreis will erfahren werden

Seit zwei Tagen regnet es ununterbrochen in Schweden. Ich sitze auf meinem Motorrad und bin hinter der Verkleidung einigermaßen gut geschützt. Das Tempo pendelt sich bei etwa 90 km/h ein. Immer wieder nehme ich abwechselnd eine Hand vom Lenker und balle sie zur Faust. Nein, nicht aus Wut oder Frust. Ich versuche lediglich, das aufgesaugte und überschüssige Wasser aus den Handschuhen zu drücken.

Nicht ohne meine Regenkombi …
Nicht ohne meine Regenkombi …

Überziehhandschuhe habe ich nicht dabei. Ich dachte, es würde nicht so schlimm werden und habe mir vor der Reise das Beste an wasserfesten Handschuhen gekauft, was es gab. Doch diesem Dauerregen halten selbst die nicht stand. Wasserfest ist eben nicht gleich wasserdicht. Der Regen prasselt ohne Unterlass gnadenlos gegen das Helmvisier. Sven, der vor mir fährt und das Tempo vorgibt, verschwindet fast vollständig in der aufgewirbelten Wassergischt.

Während ich bei dieser Dauerbewässerung versuche, der Situation irgendetwas Positives abzugewinnen, klammere ich mich an die Hoffnung, dass es irgendwann aufhören wird zu regnen, schließlich sagt der Wetterbericht dies ja auch für die nächsten Tage vorher. Zumindest verrichten unsere mittlerweile über 35 Jahre alten Suzukis stoisch ihren Dienst. Stück für Stück bringen sie uns voran. Ohne zu klagen, trotzen sie dem Dauerregen. Man könnte fast glauben, dass sich ihre luft-/ölgekühlten Motoren über diese zusätzliche Wasserkühlung sogar freuen.

Mir hingegen läuft das Wasser allmählich an der einen oder anderen Stelle in meine alte Hein-Gericke-Regenkombi. Klamm und durchnässt hänge ich meinen Gedanken nach.

„Du bist mutig, mit so einem alten Motorrad diese Reise anzugehen“, meinte einer meiner Bike-Buddys vor der Abfahrt. Er hatte mich in meiner heimischen Garage besucht, während ich noch schnell einen Superbike-Lenkerkit an der Suzuki verbaute. Mutig? Wird schon schiefgehen. Schließlich fahre ich dieses Suzuki-Modell seit fast 30 Jahren. Noch nie ist etwas kaputtgegangen. Außerdem habe ich auch kein anderes Bike.

Die Öresundbrücke ist ein spektakuläres Bauwerk
Die Öresundbrücke ist ein spektakuläres Bauwerk

Der Dritte im Bunde ist Felix. Er begleitet die Tour mit seinem Benz. Eigentlich wollte er ebenfalls mit dem Motorrad fahren, doch eine Knie-OP kurz vor der Reise machte ihm einen Strich durch die Rechnung. Also ist er nun mit seiner Mercedes C-Klasse dabei. So hält er uns bei diesem Schietwetter dicht auffahrende Autos vom Leib. Mit rund 300 PS Systemleistung seines Hybrid-Benz ist er zudem problemlos in der Lage, unseren jeweils 130 PS starken Bigbikes zu folgen. Besonders dann, wenn wir ganze Kolonnen sogenannter „weißer Wände“ überholen – gemeint sind Wohnmobile und Wohnwagengespanne.

Anfahrt auf die Öresundbrücke
Anfahrt auf die Öresundbrücke

Im Moment wünsche ich mir nichts sehnlicher als Überziehhandschuhe. Biltema ist in Schweden eine Art Heimwerkermarkt. Dort bekommt man alles rund ums Auto, Werkzeug und Freizeit. Motorradhelme habe ich dort auch schon gesehen. Vielleicht gibt es dort Überziehhandschuhe für Motorradfahrer, denke ich hoffnungsvoll. Wir durchstreifen die Regalreihen. Schließlich wird Sven fündig. Schelmisch lächelnd hält er einen schweren Fausthandschuh aus Vollgummi hoch. Absolut wasserdicht – garantiert. Leider handelt es sich um einen Hitzeschutzhandschuh für den Hobby Griller. Gut zum Führen einer Grillzange, schlecht zum sensiblen Dosieren des Gasgriffs einer 1100er Suzuki. Das war dann wohl nichts. Die Hoffnung stirbt wie immer zuletzt.

Wieder unterwegs filmt uns Felix aus dem Auto heraus. Wir fahren durch den Dauerregen und sind in der Wassergischt kaum zu erkennen. Das Video landet noch am selben Tag in unserer Motorrad-WhatsApp-Gruppe „Helmpflicht“. Der Titel: „Die armen Schweine“.

Seit fast 15 Jahren bereise ich mit meiner Familie Schweden. Mal mit dem Wohnmobil, mal mit dem Wohnwagengespann oder einfach nur mit dem Auto. Letztes Jahr machten wir im Wohnmobil einen Abstecher nach Finnland, bis zum Polarkreis bei Rovaniemi, dem berühmten Weihnachtsmanndorf. Für den Hinweg wählten wir die Ostküstenroute Schwedens. Diese Strecke ist allerdings weniger schön, da sie sich deutlich urbaner gestaltet. Die Rücktour führte durch die Mitte Schwedens, über den sogenannten Inlandsvägen auch als E10 bzw. E45 bekannt.

Der nördliche Abschnitt des Inlandsvägen führt durch endlose Wälder, wunderschöne Flussquerungen und malerisch gelegene Seen. Ortschaften liegen hier oft weit auseinander. Ich erinnere mich an eine Pause während dieser Reise. In der Einsamkeit dieser Strecke steige ich aus dem Fiat Ducato und schaue in die Ferne der schnurgeraden Straße. Lange Geraden und weitgezogene Kurven prägen diesen Weg. Der Wunsch, diese Strecke einmal mit dem Motorrad zu fahren, ist riesig. Also bombardiere ich unsere Motorrad-WhatsApp-Gruppe mit Fotos und Videos. Wieder am Lenkrad sitzend, den Tempomat auf 80 km/h eingestellt, fasse ich den Entschluss: Genau diese Strecke werde ich im nächsten Jahr mit dem Motorrad fahren. Aber nicht allein.

Das Kalkül ging auf. Die Fotos und Videos zeigten Wirkung. Felix und Sven hatten Lust auf den Schwedentrip. Wir setzten uns zusammen und begannen mit der Planung. Ziel war Jokkmokk in der nordschwedischen Provinz Norrbottens län, in der historischen Provinz Lappland, direkt am Polarkreis. Von meinem Wohnort bei Bremen sind das rund 2.100 Kilometer.

Schwedens weite Landschaften begeistern immer wieder
Schwedens weite Landschaften begeistern immer wieder

Wir entschieden uns für die Landroute über die Storebelt- und die Öresundbrücke. Fähren kamen nicht infrage. Wir wollten unabhängig von Eincheckzeiten sein und schließlich Motorrad fahren. Etappen- oder Tagesziele legten wir bewusst nicht fest. Es ging darum, so viele Kilometer zu schaffen, wie es sich ergeben würde. Für die gesamte Tour planten wir zehn Tage ein. Das war sportlich, keine Frage.

Übernachten wollten wir auf Campingplätzen, wo sich auch Hütten mieten lassen. Als Backup nahmen wir Zelte mit, was sich später als notwendig herausstellen sollte. Verpflegung planten wir nicht mitzunehmen. Die Versorgungsmöglichkeiten unterwegs sind mehr als ausreichend.

Mitte Juli ging es los. Das erste Tagesziel war Malmö, rund 600 Kilometer von meinem Wohnort entfernt. Die Strecke durch Deutschland und Dänemark verlief überraschend staufrei. In Malmö mieteten wir auf dem nahen gelegenen Campingplatz „First Camp“ eine Hütte für stolze 120 Euro. Entspannt saßen wir später auf der Veranda, ließen den Tag Revue passieren und tranken deutsches Dosenbier. Während wir am Bier nippten und die Wolkenformationen deuteten, war klar: Morgen wird es regnen. Die Wettervorhersage bestätigte das für die kommenden Tage.

Die Tour bot viel "Wasserkühlung"
Die Tour bot viel „Wasserkühlung“

Am nächsten Tag präsentierten sich unsere Bikes klitschnass. Sven und ich streiften unsere Regenkombis über die wir in den folgenden zwei Tagen auch nicht mehr ausziehen sollten. Der Nässe strotzend sprangen die Motorräder willig an. Wasserdampf stieg von den sich erhitzenden Auspuffanlagen auf, während die Motoren langsam auf Temperatur kamen.

Wir ließen Malmö hinter uns. In rund 540 Kilometer sollten wir Karl­stad erreichen. Es regnete, dann war es wieder trocken. So ging es den ganzen Tag. Südschweden ist deutlich dichter besiedelt als Mittelschweden oder gar der Norden. Richtiges „Schwedenfeeling“, also endlose Wälder und viel Natur, stellte sich hier noch nicht ein.

In Karlstad mieteten wir eine Hütte auf dem Campingplatz Skutberget. Und so nippten wir auch an diesem Abend wieder an deutschem Dosenbier. Checkten die Bikes für den nächsten Tag, versorgten die Antriebsketten mit ausreichend Fett und kurzzeitig kam sogar die Sonne hervor. Wir nutzten die Gelegenheit und sonnten uns ein wenig. Der nächste Tag sollte allerdings noch nasser werden – sehr viel nasser.

Felix schloss den Tag für sich mit „Baden im See bei Regen“ ab. Sven und ich hatten zu diesem Zeitpunkt definitiv genug vom Wasser.

Zwischendurch gab es immer wieder sonnige Momente
Zwischendurch gab es immer wieder sonnige Momente

Mittlerweile war Sonntag. Das ist in Schweden der Tag, an dem so mancher seinen US-Oldie aus der Garage holt und damit gemütlich durch die Gegend cruist. Diese Faszination für altes US-Blech teilen auch viele Jugendliche. Man könnte fast meinen, es gäbe einen Wettbewerb darum, wer den heruntergerocktesten Amischlitten fährt. Offenbar gilt es sogar als besonders hipp, wenn bei voller Besetzung die Heckstoßstange des Chevy funkensprühend über den Asphalt schleift.

Karibus darf man nicht unterschätzen
Karibus darf man nicht unterschätzen

380 Kilometer im Dauerregen nach Sveg – die erlaubte Höchstgeschwindigkeit auf dem Inlandsväg beziehungsweise der E45 liegt meist bei 80 km/h, je nach Abschnitt auch bei 100 km/h. Hohe Tagesdurchschnitte lassen sich so kaum fahren. Hinzu kommen zahlreiche Wohnmobile und Wohnwagengespanne, die den Verkehrsfluss zusätzlich bremsen. Der Dauerregen setzt uns langsam auch mental zu. Es nervt nur noch. Aber es ist, wie es ist, und es muss weitergehen.

In der gemieteten Hütte auf dem Campingplatz Sveg Camping AB läuft die Heizung bereits auf Hochtouren. Das ist auch gut so, denn trotz Regenkombi sind wir nass – fast bis auf die Knochen. Wir beschließen, hier zwei Tage zu pausieren, und gehen im nahegelegenen Restaurant essen. Ich bestelle mir eine Pizza und dänisches Bier.

Am nächsten Tag sind unsere Klamotten und auch meine Handschuhe dank der Heizung wieder trocken. Wir verwerfen den Plan, zwei Tage am Ort zu bleiben. Es ist zwar trocken, wie der Wetterbericht es vorhergesagt hat, trotzdem schlüpfen wir erneut in die Regenkombis. Das Vertrauen fehlt noch.

Saiva Camping & Stugby bei Vilhelmina lautet das nächste Ziel, eine 410 Kilometer Tagesetappe. Mittlerweile hat es sich eingespielt, dass wir so lange fahren, bis der Hintern oder andere Körperteile ihre Kapitulation ankündigen. Zum ersten Mal seit Malmö legen wir die Regenkombis ab. Der Grip auf der Straße ist hervorragend, sodass wir den Tagesdurchschnitt erhöhen können – auch dank Svens zügiger Fahrweise und seiner Führung der Truppe. Er ist eben unser Mann von der Bundeswehr.

Wir sind nicht alleine am Polarkreis
Wir sind nicht alleine am Polarkreis

Es fühlt sich großartig an, diesmal trocken unsere Übernachtungshütte zu betreten. Darauf ein deutsches Dosenbier, denn nun sind es nur noch rund 370 Kilometer bis zum Polarkreis bei Jokkmokk. Dunkel wird die Nacht auch hier bei Vilhelmina nicht mehr. Es bleibt fast taghell so hoch im Norden, Prost.

Rentiere auf der Straße, neben der Straße – Rentiere überall. Am nächsten Tag bestimmen sie unser Vorankommen. Während bei uns zuhause Wild meist scheu über die Straße huscht, haben die vom Menschen domestizierten Rentiere in Schweden die bemerkenswerte Eigenschaft, stoisch mitten auf der Fahrbahn stehenzubleiben. Nähernde Fahrzeuge kümmern sie wenig. Interessant ist außerdem, dass auch die weiblichen Rentiere ein Geweih tragen. Als ich mich mit meiner Suzuki an einem der Tiere vorbei zwänge, weiß ich daher nicht, ob es sich um ein aggressives Männchen in der Brunftzeit oder um ein Weibchen handelt. Auf jeden Fall hatte es bereits mit den Hufen gescharrt, wie Felix später berichtete, der die Situation aus dem Auto beobachtet hatte. Glück gehabt.

Beheizte Camping-Hütten sind nicht zu verachten
Beheizte Camping-Hütten sind nicht zu verachten

Ziel erreicht. Wir stehen vor der großen, mit unzähligen Stickern versehenen Tafel, die darauf hinweist, dass man den nördlichen Polarkreis erreicht hat. Wir fallen uns in die Arme, freuen uns und machen unzählige Beweisfotos. Die WhatsApp-Gruppe gratuliert. Am auf einer Anhöhe gelegenen Souvenirshop decken wir uns noch mit Mitbringsel ein. Danach fahren wir noch elf Kilometer weiter zum Arctic Camp Jokkmokk.

„Nix Hütte, alles ausgebucht“, berichte ich Sven und Felix, als ich von der Rezeption zurückkomme. Es wirkt, als wäre dies der letzte Campingplatz im Norden. Hier trifft sich ganz Schweden – und gefühlt der Rest der Welt. Entsprechend teuer ist der Platz. Es hilft nichts: Wir bauen zum ersten Mal unsere Zelte auf. Anschließend stehen wir vor dem geöffneten Kofferraum von Felix’ Benz und blicken auf die letzten Vorräte deutschen Dosenbiers. Wir beschließen, sie nun zu vernichten. Wir haben es uns verdient.

Die Nacht findet keinen richtigen Anfang und der Tag kein Ende – was nicht am Bierkonsum liegt. Es wird hier oben nicht dunkel. Entsprechend ist auch um 1 Uhr nachts der nahegelegene Spielplatz des familienorientierten Campingplatzes noch gut besucht. Tagsüber ist es am Polarkreis angenehm warm, doch nachts sinken die Temperaturen in den niedrigen zweistelligen Plusbereich. Ein warmer Schlafsack ist hier dringend erforderlich. 

Die alten Damen haben sich wirklich gut geschlagen (die alten Herren aber auch)
Die alten Damen haben sich wirklich gut geschlagen (die alten Herren aber auch)

Tags darauf treten wir die Rückreise an und verbringen die erste Nacht wieder auf dem Campingplatz Saiva Camping & Stugby bei Vilhelmina. Es ist der entspannteste Tag der gesamten Tour. Das Wetter ist fantastisch. Wir genießen Kaffee und Frühstück auf der Veranda und machen am Vorabend sogar noch eine Kanutour.

Weitere Stationen der Rückfahrt sind Mora, Värnamo und Fynshoved in Dänemark. Die Reise endet so, wie sie begonnen hat: Ab der letzten Station in Schweden müssen wir wieder die Regenkombis anziehen. In Dänemark trennen sich unsere Wege. Felix nutzt das Leistungspotenzial seines Benz. Sven muss nur noch bis zu seinem Wohnort nach Pinneberg. Jeder fährt so schnell, wie er kann oder möchte. 

Eine anstrengende Tour, aber ein großartiges Erlebnis mit der Gruppe. Am Ende benötigen wir nur neun Tage für die gesamte Reise. Sicherlich ist Schweden zu schön, um es in diesem Tempo zu bereisen. Wer das Land noch nicht kennt, sollte sich lieber mehr Zeit nehmen. Aber jeder so wie er möchte.

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