Der Schattenwolf
aus Kradblatt 2/26 von Maximilian Tönnies
Der Markt der elektrischen Motorräder ist immer noch sehr begrenzt, das Interesse nimmt aber zu. Eine Firma, die sich schnell einen Namen in der Offroad-Szene gemacht hat, ist Stark Future aus Spanien. Doch auch mit Straßenzulassung sind eine Enduro und eine SuperMoto erhältlich. KRADblatt Leser Maximilian Tönnies hat 5.000 km mit seinem „Schattenwolf“ auf dem Tacho, hier sein Bericht.

Die Stark Varg wurde im Dezember 2021 mit 80 PS auf 120 kg Lebendgewicht vorgestellt. Schon lange auf der Suche nach der für mich passenden elektrischen Enduro war ich begeistert. Stark Future stellte hier aus dem Nichts heraus ein Motorrad auf die 21/18″-Räder, das sich nicht nur mit den Verbrennern seiner Klasse messen, sondern sie absolut in den Schatten stellen kann. Einziges Problem: keine Zulassung.

Ich schwor mir eine zu kaufen, würde sie jemals zulassungsfähig werden und wünschte mir, dass Stark Future einfach Lichter, Spiegel und eine Kennzeichenhalterung verbauen würde. Im Dezember 2024 hat Stark genau das (und ein paar Verbesserungen) angekündigt und ich reservierte noch am gleichen Tag eine Maschine in meiner eigenen Konfiguration.
Bei der Bestellung hat man nicht nur die Qual der Wahl bei der Farbe (rot, weiß und grau), sondern kann neben schützenden Extras auch zwischen mehreren Kombinationen aus Reifen und Schläuchen oder Mousse auswählen (Anmerk. d. Red.: Mousse ist in diesem Fall kein leckeres Dessert sondern ein Ring auf Schaumstoffbasis, der anstelle eines klassischen Schlauchs gefahren wird. Er simuliert je nach Bauart einen Luftdruck von ca. 0,6 bis 0,9 bar und ist pannensicher). Selbst das Fahrwerk ist in drei Varianten von weich bis hart – von 65 bis 100 kg Fahrergewicht – individualisierbar. Außerdem kann man sich entscheiden, ob man das Hinterrad per Hand (anstelle des nicht vorhandenen Kupplungshebels) oder klassisch per Fußbremshebel bremsen möchte. Wem das goldene Markenemblem auf dem Karbonspoiler nicht genug ist, der kann ein Schraubenkit aus Titan hinzubuchen, womit die Varg 900 Gramm leichter wird. Wer 1.000 € weniger ausgeben will, kauft die Varg mit „nur“ 60 PS, wobei die Hardware gleich bleibt. Für volle 80 PS müssen 13.990 € nach Spanien, wo die Varg hergestellt wird.

Der stolze Preis ist das erste der drei großen Probleme in meinen Augen. Dafür bekommt man hochwertige Komponenten, wohin man nur schaut, z.B. eine voll einstellbare Federung von KYB und Brembo-Bremsen. Der Großteil ist aber Starks Eigenkreation: Antrieb, Akku, Rahmen, etc.
Im April war es für mich soweit und ich durfte meinen Schattenwolf (zur Namensgebung weiter unten) abholen. Ironischerweise versagte mein Auto mit Verbrennungsmotor auf dem Rückweg und meine Varg wurde die vermutlich erste, die vom ADAC abgeschleppt worden ist, noch bevor ich sie gefahren bin.
Seitdem habe ich die Varg über 5.000 km bewegt, über jeden Untergrund, den ich finden konnte und bei jeder Witterung, die auf mich kam.
Bei der ersten Ausfahrt wagte ich mich zunächst langsam an die Leistung heran. Frei einstellbar zwischen 1 und 80 PS können 5 Modi und dabei jeweils die Rekuperation von 0–100% festgelegt werden (Rekuperation = Energierückgewinnung über die „Motorbremse“).
Meine Modi habe ich über die 5.000 km angepasst, aktuell liegen sie bei 15, 30, 50, 60 und 80 PS mit 69% Rekuperation. Die Bremswirkung ist dann vergleichbar mit dem beherzten Runterschalten beim Einzylinder und sorgt immer für Traktion, ohne gleich das Hinterrad auf Schotter blockieren zu lassen. Nur fürs Fahren auf Eis und Schnee regle ich die Rekuperation runter, damit das Hinterrad nicht direkt blockiert.
Die meisten meiner Kilometer bin ich mit 50 PS gefahren, gelegentlich schalte ich auf 60 PS und frage mich, wofür ich die 1.000 € mehr für 80 PS ausgegeben habe. Gebraucht werden sie definitiv nicht.
Die Varg reißt jeden Untergrund vom Stillstand bis zur Endgeschwindigkeit von ca. 130 km/h auf, wenn man will. Dabei hält das Fahrwerk in jedem Gelände sicher Bodenkontakt, solange man nicht abhebt. Ich habe mit meinen ca. 72 kg Lebendgewicht „Medium“ gewählt und empfinde es als hart, aber nicht zu hart. Härter ist nur die Sitzbank, aber das ist in Verbindung mit dem offensichtlichen zweiten großen Problem egal: die Reichweite.

Mit 7,2 kWh Kapazität lässt es sich nicht in den Urlaub fahren. Zumal das Ladegerät im Ständer integriert ist und mit maximal 3,3 kW – der vollen Leistung einer Schuko-Steckdose – lädt. Mittlerweile hat Stark eine Supermoto-Variante der Varg herausgebracht und mit ihr ein portables Ladegerät, aber ohne Schnellladefunktion dauert der Ladevorgang eben bis zu zwei Stunden. Für den Renneinsatz experimentierte das Werksteam bereits mit der doppelten Ladeleistung von 6,6 kW. Der Akku kann also mehr vertragen, doch unterwegs schneller laden bedeutet auch mehr Gewicht.

Wie mit jedem elektrischen Gefährt muss der Einsatzzweck passen und deswegen stört mich die Reichweite auch überhaupt nicht, ich habe lieber weniger Gewicht. Ich pendle mit der Varg über möglichst viele Feldwege, aber auch schnelle Landstraße, zur Arbeit und verbrauche so für etwas über 50 km ungefähr 60% des Akkus, ohne meine Gashand zurückzuhalten. Wenn ich abends noch eine Runde durch tiefen Sand drehe, kann ich den Verbrauch auch auf bis zu zwei Prozent pro Kilometer steigern. Wenn ich hinter der entschleunigenden Royal Enfield Himalayan meiner Frau fahre und meine Leistung auf vergleichbare 24 PS stelle, verbrauche ich unter 1% pro Kilometer, womit man theoretisch über 100 km mit einer Akkuladung schaffen kann.
Kommen wir zum dritten großen Nachteil der Varg: Sie hat es geschafft, mir meine anderen Motorräder zu versauen!
Nach einigen Wochen musste ich mal weiter, als die Varg kann und habe meine 97er Thundercat, einen kreischenden Vierzylinder, aus der Garage geschoben. Auf den ersten Kilometern dachte ich, die müsse kaputt sein. „Die zieht doch nicht richtig. Die Vergaser müssen verdreckt sein“, dachte ich mir. Bis mir dämmerte, dass die Leistung von 98 PS des Verbrenners schlichtweg nicht vergleichbar ist mit der unmittelbaren Stärke der Varg.

Ich habe damit gerechnet, dass die Varg meine Enduros in den Schatten stellt. Gleichzeitig war ich überrascht, dass meine Katze zwar noch donnert und doch abgehängt wird vom Schattenwolf.
Der für mich größte Vorteil der Varg ist aber nicht ihre Stärke, sondern ihre Stille.

Varg ist schwedisch und bedeutet Wolf. Genauso lautlos bewegt sich die Varg durch den Wald, wenn man vom Wolfsheulen des E-Motors absieht. Das lauteste Geräusch ist in der Regel die sich abrollende Kette. Nichts klappert oder vibriert. Fahrerisch bedeutet das eine erstaunlich neue Geräuschkulisse: Schotter knirscht, Eis knackst, Äste brechen. Man hört sogar das Moos, wie es in sich zusammenfällt. Bleibst du stehen, hörst du die Vögel zwitschern und den Wind in den Bäumen rauschen.
Ich weiß weiterhin das Bollern meiner Einzylinder zu schätzen, aber hierzulande, wo unbefestigte Wege rar sind und geteilt werden müssen, ist die Stille von unschätzbarem Vorteil. Denn andere Menschen fühlen sich von der Varg nicht gestört. Es gibt keine bösen Blicke. Mit meiner WR250R oder der TT600R kann ich noch so rücksichtsvoll auf absolut legalen Feldwegen fahren. Der Krach macht einen unbeliebt. Wenn sich der Schattenwolf von hinten anpirscht, muss ich manchmal mit einem lauten „Moin“ auf mich aufmerksam machen. Die Varg verdreht die Köpfe voll Verwunderung, ja man wird freundlich gegrüßt. Und genau deswegen traue ich mich mit dem Schattenwolf beim Endurowandern an ganz neue Orte in meiner Umgebung und lerne meine Heimat neu kennen.
Wenn ich von der Arbeit nach Hause komme, steigen meine Kinder vor und hinter mir dazu und wir drehen ein paar Ehrenrunden durch den Garten. Es gibt ja keinen Auspuff, an dem man sich verbrennen kann.
Meine Verbrenner werden wohl bleiben (vielleicht nicht alle) – für die weite Reise und weil man nie genug Motorräder haben kann. Gleichzeitig empfinde ich es fast schon als störend, die Verbrenner zwischendurch mal bewegen zu müssen, damit Vergaser nicht versiffen, das Benzin nicht zu alt wird und die Motoren geschmiert bleiben. Bei der Varg stecke ich zu Hause den Stecker ein und wechsle alle 40 Betriebsstunden ganze 80 ml Getriebeöl. Alles andere ist purer Fahrspaß.
Etwas Eigenwerbung: Wer meine Varg einmal sehen will, der kann das Motorrad-Sicherheitstraining der Verkehrswacht Vechta e.V. buchen, wo ich sie bei meinen Terminen als Trainer mitnehmen werde. Alle Infos zu den Trainings gibt es unter www.verkehrswacht-vechta.de.
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